Tagebuch, Montag 14.10.2019

Als ich meine Unterkunft verlasse regnet es in Strömen. Das erste Mal seit dem ich in Indien bin erlebe ich intensiven tropischen Regen. Ein Vorgeschmack auf die kommende Regenzeit?

Glücklicherweise hört der Regen fast pünktlich zu meinem Termin mit Jasmin Eppert und Vinoth Kumar ihren Mitarbeiter auf. Beiden stelle ich mein Konzept für das geplante Buch und das weitere Vorgehen für die Realisierung vor. Ohne ihre Unterstützung ist mein Buchprojekt kaum vorstellbar zu realisieren. Konkret plane ich gemeinsam mit Vinoth alle Bewohner, deren Haus gezeichnet habe zu besuchen und mit ihnen Gespräche führen. Von ihnen möchte ich erfahren, wie ihr Alltag und ihr Leben 300 Jahre nach Bartholomäus Ziegenbalg in Tharangambadi ist. Ebenso plane ich mit Vinoth Passanten auf der Straße anzusprechen und die gleichen Fragen aus der»Malabarische Korrespondenz« erneut den zu stellen.

Um meine Vorräte aufzufüllen fahre zur Mittagszeit mit dem Fahrrad zur Marktstraße am Ortseingang in Tharangambadi. Zuerst steuere ich den Gemüseladen an und bediente mich, eigentlich unüblich, am Obst und Gemüseangebot selbst. Mit zwei riesig gefüllten einen ganzen Stoffbeutel¹ mit Kartoffeln, Karotten, Rettich, Okraschoten², Karela³, Chayote4, Ingwer, Bananen, Guaven und Äpfeln. In der Nähe kaufe ich in einem Eckladen noch Reis, Zwieback und bei Ganesh´s Coffeeshop einen Beutel mit Milch. In der drückenden Hitze spricht mich spontan ein Mann an und berichtet mir, das er Lehrer sei und Teil einer freien Kirchgemeinde ist. Seine spontane Einladung in zu seiner Schule zu begleiten kann ich leider nicht annehmen und mit vollbeladenen Taschen fahre ich weiter.

An einer Ecke, wo ich bereits vor zwei Tagen gezeichnet hatte finde ich ein perfekter Platz zum Zeichnen. Ein Luftzug sorgt für eine angenehm frische Brise. Mein Motiv ist ein gegenüberliegendes Eckhaus. Im Erdgeschoss befindet sich ein Laden und im Obergeschoss eine noch im Ausbau befindliche Etage. Meine Zeichnung beginnt, als die Farben gewählt und das Audiogerät eingeschaltet ist.
Als der Muezzin zum Gebet ruft, bleibt nur noch wenig Zeit bis die ersten Kinder die Schule verlassen und bei mir vorbeilaufen. Ich bin aufgeregt, weil ich weiß, dass ich damit rechnen kann wieder eingekreist und über einen längeren Zeitraum geärgert zu werden. Wie vermutet versuchen einzelne Kinder mich zu provozieren, in dem sie schlagen oder mir das Papier wegzunehmen möchten. Mehrmals bitte ich die Kinder mich zeichnen zu lassen.
Erst mitten in der Dämmerung beende ich erschöpft und müde meine Zeichnung.

Stoffbeutel¹
Plastiktüten, Becher und Strohhalme sind seit Januar 2019 in Indien verboten. Im Oktober 2019 nahm die indische Regierung davon Abstand. Ein Verbot könnte sich zu stark auf die Wirtschaft im Land auswirken, hieß es.
Okraschoten²
Eine der ältesten Gemüsepflanzen und heute als Gemüsepflanze fast auf der ganzen Welt verbreitet.
Karela³
Eine tropische die Frucht die einen extrem bitteren Geschmack hat, der auf die Anwesenheit eines ungiftigen Stoffes zurückzuführen ist.
Chayote4
Eine rankende Pflanze der Subtropen und Tropen. Das Innere der Frucht schmeckt sehr dezent nach einer Mischung aus Kartoffel und Gurke.

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