Tagebuch, Sonntag 20.10.2019

An einem orange und grünen Eckhaus bleibe ich stehen, setze mich auf meinen Plastikstuhl und beginne auf der Straße mit meiner Zeichnung. Schnell erhalte ich Besuch von einem Mann, der im Haus wohnt. Erfreut berichtet er, das er selbst auch Künstler ist und sich sehr auf meine Zeichnung freue. Misstrauisch blicke ich auf dunkle Regenwolken, als plötzlich der Milchmann neben mir anhält. Nach einem kurzen Smalltalk nutze ich die Gelegenheit und bitte ich ihn, um seine Handynummer, die er mir schnell auf die Rückseite des Zeichenpapiers notiert.
Fluchtartig packe ich meine Sachen zusammen, um vor dem Regen zu flüchten. Mein Plastikstuhl als Regenschutz auf dem Kopf laufe ich schnell durch das Stadttor, dann bei „Ganeshan Tea Stall“ vorbei und weiter über die Brücke des Backinghan Kanals zur Einkaufsstraße. Hier finde ich einen trockenen Platz unter dem Vordach von Sultans „Danish Shop“. Leider befindet sich in unmittelbarer Nähe ein riesen großer Haufen Kuhscheiße mit hunderten Fliegen. Ich habe keine Wahl! Ich muss den Geruch und die lästigen Insekten ertragen.
Von Minute zu Minute steigert sich die Intensität des Regens und überdeckt das laute Treiben, der Autos, Rikschas, Motorräder, Passanten und Tiere. Im strömenden Regen läuft eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern vor mir vorbei. Einer der Kleinen trägt nur ein Hemd. Gemeinsam stellen sie sich in meine Nähe unter das Vordach unter. Der Regenguss ist so heftig, das ich an das Rollladentor gepresst auf meinem Stuhl sitze. Einer Notgemeinschaft gleich stehen die anderen wartenden um mich herum und beobachten zur Überbrückung der Wartezeit das Zeichnen. Diese Augenblicke sind für mich einmalige Erlebnisse, die sich im wahrsten Sinn in meine Zeichnungen einzeichnen. Auch der stärkste tropische Platzregen hört einmal auf. Die um mich herum stehenden Personen laufen verschwinden. Nach exakt fast drei Stunden beende ich meine Zeichnung und laufe zurück. Am Stadttor werde ich von Motorradfahren spontan angesprochen. Ein etwa 50 jährigen Mann bietet mir eine kostenlosen Transport bis zum Ende der Straße an und so fahre ich inklusive meines Plastikstuhls glücklich davon.

In meiner Unterkunft setze meine Lektüre von „Die Malabarische Korrespondenz. Tamilische Briefe an deutsche Missionare “ herausgegeben Kurt Liebau fort. Im Vorwort lese ich interessiert, das die Namen der tamilischen Absender in den Briefen damals bewusst verschwiegen bzw. weggelassen wurden, um sie abstrakt als „Heyden“ und nicht als gewöhnliche Menschen darzustellen. Für mich stehen die Menschen und ihr Alltag in Tharangambadi im Mittelpunkt.

Am Nachmittag laufe ich bei strömenden Regen zum „Ganeshan Tea Stall“. Vinoth wartet schon. Mit einem heißen Kaffee in der Hand beginnen wir unser erstes Gespräch mit einem der Hausbewohner der von mir gezeichneten Häuser. Der Regen trommelt laut auf das Wellblechdach, als ich meine Fragen an Ganesh im „Ganeshan Tea Stall“ stelle. Ich bedanke mich für seine Unterstützung und schenke ihm ein Kopie meiner Zeichnung.
Im Regen laufen wir die Verkaufsstraße entlang, die jetzt komplett unter Wasser steht zum nächsten Haus. Wir haben Glück! Die vier Generationen Familie ist anwesend. Auf der Veranda, direkt neben der Hauptstraße unterhalten wir uns eine halbe Stunde. Erneut bekommen wir Tee angeboten und erneut erfahre ich Geschichte um die Tsunami-Katastrophen im Jahr 2004 und 2006.
Über eine einsturzgefährdete Brücke auf der drei Angler ihr Glück probieren laufen wir zur Queen´s Street und führen dort noch zwei weiter Gespräche. Zufrieden u bedanke ich mich für die Hilfe von Vinoth und laufe müde zur meiner Unterkunft.

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