Tagebucheintrag, Donnerstag 24.10.2019

Auf der King´s Street unterwegs fordert mich vor der Kirche Neu-Jerusalem¹ plötzlich ein Mann auf Fotos von ihm vor der Kirche zu machen. Kein Problem! Im anschließenden Gespräch erzählt er mir das er ein Pfarrer in Chennai² sei und lädt zu sich ein, sowie zum Frühstücken ein. Freundlich erkläre ich, das es gerade nicht passt. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und verabschieden uns.
Ich setze meine Weg fort, dabei kommen mir zahlreiche Kinder in Ihren unterschiedlichen Schuluniformen entgegen. Einige erkennen mich wieder und grüßen im vorbeigehen. Im Nieselregen erreiche ich die Marktstraße und setze mich regengeschützt unter einen Balkon. Vor mir tuckert, quietscht, hupt und faucht der morgendliche Berufsverkehr auf der Schlagloch übersäten Straße. Die Rollläden von Sultans „Danish Shop“ sind noch geschlossen. Schnell werde ich von aufmerksamen Passanten angesprochen. Einer von ihnen heißt Vijay und ist einen jungen Fischer. Nach einiger Zeit der Beobachtung erkenne ich, das sich neben mir im Gebäude eine Tankstelle befindet. Anstatt Zapfsäulen wird das Benzin hier in Plastikflaschen Literweise verkauft.

Gegen 9 Uhr öffnet Sultan sein Laden und winkt mir grüßend zu. Durch Zufall begegne ich einen Fotografen, der im ersten Stock in dem Gebäude, an dessen Nähe ich sitze ein Studio betreibt. Ebenso erzählt er mir von seiner Zeit als Angehöriger der indischen Armee. Wir verabreden uns zu einem Gespräch. Spontan bekomme ich besuch von Sultan. Er freut sich sehr und teilt mir mit, das ihm die Zeichnung gefällt.

Am Nachmittag finde ich dank eines langen Vordachs eines traditionellen tamilischen Wohnhaus in der von Muslimen dominierten Naghuda Street einen trockenen Platz zum zeichnen. Im prasselnden Regen macht sich auch eine Katze hier bequem. Von weiten sehe ich eine trächtige Ziege, die mit einem kurzen Seil an ein Baum festgebunden ist und den Regenschauer ertragen muss. Mein Motiv ist ein prunkvolles mehrfach vergittertes Haus. Die Ruhe um mich herum lässt mich in meiner Zeichnung verschwinden.
Im Regen erscheint plötzlich eine Seniorin und zeigt mir in ein geflochtenen Korb kleine getrocknete Fische. Auf Tamilisch redet sie auf mich ein und lächelt mich zahnlos an. Ein alte Bewohnerin des tamilischen Hauses kommt dazu und drückt mit ihrer Körpersprache die Freude über meine Zeichnung aus. Dann verschwindet sie und kehrt mit ihrer Enkelin zurück. Auch sie soll anscheinend sehen, was ich zeichne. Mit einem Lächeln und den zusammengefalteten Händen bedanke ich mich.
Lautstark ruft Muezzin Nachmittagsgebet und ich weiß sofort wie spät es ist. Wenig später hält laut hupend ein gelber Schulbus der Marke „Mahindra“ vor mir an und ein kleiner Junge in seiner blaugrünen Uniform steigt aus von seiner Oma begrüßt. Sein Interesse an meiner Tätigkeit scheint groß zu sein. Minutenlang steht er interessiert neben mir, um mich bei meiner Arbeit zu beobachten. Dies hat ein Ende als die resolute Oma eingreift und dem kleinen im Haus verschwindet. Kurze danach verlässt das Kind mit muslimischer Gebetsmütze das Haus Richtung Moschee.

Kirche Neu-Jerusalem¹
1718 im Auftrag von Bartholomäus Ziegenbalg im dänischen Architekturstil erbaut.

Chennai²
Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. Entstand während der britischen Kolonialzeit um das 1640. gegründete Fort St. George herum.

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