Tagebucheintrag, Freitag 11.10.2019

Mein Geburtstag! Trotzdem stehe ich 6:30 Uhr auf. Mit Vorfreude laufe ich auf der Queen´s Street zu der Stelle, wo ich gestern wegen der Moskitoangriffe meine Zeichnung abbrechen musste. Die frühe Uhrzeit, sorgt dafür, das mein Plart sich noch im Schatten befindet. Parallel zur Fortsetzung meiner Zeichung verbrennt ein Mann in unmittelbarer Nähe seinen Müll am Wegesrand. Der beißende Geruch der schwarzen Rauchschaden brennt in meinen Augen. Wenigstens bleiben vielleicht so die Moskitos weg? Vor Tagen hatte mir Jasmin Eppert erklärt, das es in Indien oft keine Abfallentsorgung gibt. Die einfachste Methode ist den Müll zu verbrennen.
Als ich meine Zeichnung beende, besucht mich die Hausbesitzerin lächelnd. Ich verstehe, das ihr meine Zeichnung gefällt. Ich bedanke mich mit zusammengelegten Händen und verspreche ihr ein Kopie zu schenken.
Vor einem anderem Haus auf der gleichen Straße bereite ich meine Buntstifte und das bedruckte Papier für ihren Einsatz vor. Dabei besucht mich ein Bewohner des gegenüberliegenden Hauses und befragt mich nach meinem Projekt in Indien. Im Anschluss stellt er einen blauen Kanister auf die Straße, den kurze Zeit später eine Frau in einem geschweißten Rollwagen entleert. Gibt es doch eine Müllabfuhr in Tharangambadi?
Seit ein paar Tagen auf der Straßen von Tharangambadi unterwegs erkenne ich zunehmend die täglichen Routinen der Menschen. Ein Beispiel ist der Milchverkäufer auf seinem Motorrad, der meistens gegen 10 Uhr die Queen´s Street entlang fähr. Zu dieser Zeit drehen die mir schon bekannten Bettler, welche mutmaßlich zur untersten Kaste¹ in Indien gehören ihre Runden. Auf der Flucht vor der aufsteigenden Sonne rücke ich mit meinem Plastikstuhl immer näher an die hinter mir liegende Mauer bis ein weiter Zeichnen in der Sonne unmöglich ist.

Am Nachmittag laufe ich auf der Mosque Street an einer an einer Baustelle mit einer Gruppe von Bauarbeitern vorbei. Im Schatten sitzend sind sie gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt. Erstaunt sehen sie mich mit meinem Plastikstuhl vorbeilaufend zu.
Vor der leuchtend gelb und grün angemalten Moschee finde ich einen schattigen Platz zum Zeichnen. In der flirrenden Mittagssonne komme ich mit einem älteren Mann ins Gespräch, er ist zufälligerweise der Imam der Moschee. Während in der Nähe die Ziegen in der Hitze grasen werde ich von einem anderen weiß gekleideten Mann freundlich angesprochen. Sein Name ist Sultan, er ist Besitzer des „Danish Shop“ auf der großen Marktstraße und leidenschaftlicher Stadthistoriker von Tharangambadi. Interessiert bitte ich ihn, um seinen Kontaktdaten.
Kurz vor 15:45 Uhr ruft der Muezzin mit Megaphonen lautstark die Gläubigen zum Nachmittagsgebet auf. Sein Ruf folgen ausschließlich Männer die auf dem Weg zum Gotteshaus oft einen kurzen Halt bei mir einlegen, um die entstehende Zeichnung zu betrachten.
Während der Gottesdienst mit Megaphon übertragen mich gut unterhält wird eine Gruppe von Kinder auf mich aufmerksam und gibt mir Tipps für die „Verbesserungen“.

Kaste¹
Von Geburt an bis zum Tod bleibt ein Hindu an seine Kaste gebunden. Die Einteilung der Menschen in Gruppen und eine strenge Rangordnung sind die Merkmale des indischen Kastensystems.
Die klassische Ordnung des Kastensystems gliedert sich in vier „Hauptkasten“, sogenannte Varnas. Jede dieser Varnas ist mit einer Farbe verbunden. Die Brahmanen als oberste Kaste sind besonders hoch angesehen und haben die Farbe weiß. Darunter rangiert die Kriegerkaste der Kshatriyas (rot). Darauf folgen die Vaishyas (gelb), traditionell Bauern und Kaufleute. An unterster Stelle der vier Varnas stehen die Shudras (schwarz), die meist Diener, Knechte oder Tagelöhner sind. Menschen, die zu den Unberührbaren gezählt werden, lehnen diese Bezeichnung ab. Sie nennen sich selbst „Dalits“ und sind Nachfahren der indischen Ureinwohner.

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