Tagebucheintrag, Samstag 12.10.2019

Bereits am Morgen scheint die Sonne intensiv und erbarmungslos. Zum Glück muss ich nicht weit laufen bis ich ein passendes Haus mit Schattenplatz finde. Das Gebäude ist mit intensiv, leuchtenden Farben in gelb, orange, blau und malve angestrichen. Auf den Mauern sind Bibelzitate auf Tamilisch zu lesen und auf der Dachspitze prangt ein blaues Kreuz mit der Aufschrift Bethlehem.
Während ich meine Buntstifte beginne auszuwählen und das Papier vorzubereiten stehen bereits die ersten Besucher in Schuluniformen um mich herum. Langsam an die Umstände angepasst bleibe ich gelassen, obwohl die Anzahl der mich umringenden Kinder jetzt auf ein Dutzend anwächst. Weitere Kinder strömen hinzu, so dass ich dicht getränkt, Körper an Körper, an die Kinder gepresst bin. Kein Luftzug kommt mehr zu mir und ich fange an zu Schwitzen. Dennoch versuche ich mich weiter auf das Motiv zu konzentrieren bis die in der Nähe läutende Schulklingel mich von „Belagerung“ befreit.
Anstatt jetzt die nötige Konzentration für meine Zeichnung zu finden, wechsle ich nach wenigen Minuten meinen Sitzplatz, weil die Sonne immer intensiver und der Schatten immer weniger wird. Ein Straßenhund liegt derweil gelassen auf dem Boden und döst neben mir in der Sonne. Parallel dazu stehen die Schulkinder auf dem sandigen Schulhof singen laut im Chor. Mit den Worten „God bless you!“ lächelt mich eine ältere Frau, welche gerade das Haus verlässt.
Die Sonne hat nun erneut meinen Sitzplatz erobert. Wieder ziehe ich um. Von Platz zu Platz verändert sich auch die Perspektive meiner Zeichnung. Freundlich grüßt mich der vorbeifahrende Milchhändler und die laut rufende Fischverkäuferin. Ein kleiner Junge erscheint neben mir und zeigt mir verlegen seine Zeichnungen. Ich sehe auf abgezeichnete Comicmotive und bunte Ausmalbilder.

Eine Siesta und ein paar Stromausfälle später mache ich erneut auf den Weg. In einer kleinen Gasse finde ich einen schattigen Ort zum Zeichnen.
Im Augenwinkel nehme ich sich bewegende Schatten auf dem Fußboden wahr, blicke mich um und sehe zwei Affen die über mir auf einer Mauer entlang laufen. Aus Angst platziere ich meine Tasche ab sofort zwischen meinen Beinen. Anschließend erscheint ein etwa zehnköpfiges Rudel mit wilden Hunden. Respektvoll zwinge ich mich, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken und stattdessen weiter zu zeichnen. Als der Gebetsruf aus der Megaphonen der Moschee ertönt, ist es 15:45 Uhr. Mir bleiben noch anderthalb Stunden für die Beendigung meiner Zeichnung bleiben, bevor die „Moskito Zeit“ beginnt.
Nach dem Schulschluss in der TELC¹- „Bishop Johnson Memorial Higher Secondary School“ läuft an meinem Platz eine Gruppe von Schulkindern nach den anderen vorbei. Dichtgedrängt stehen die Kinder lautstark um mich herum. Einige von ihnen testen, wie weit sie gehen können. Mich ständig anfassend entwickelt sich eine aggressive Stimmung gegen mich. Fluchtartig verlasse ich den Ort und verliere meine Zeichnung. Als ich den Verlust feststelle. Laufe ich den Jugendlichen schnell hinterher. Am Stadttor erreiche ich sie und fordere sie lautstark auf mir die Zeichnung zurückzugeben. Lautes lachen ist Antwort bis ein Junge aus der Gruppe mir die Zeichnung zurück gibt und sich entschuldigt. Sauer über diese Respektlosigkeit der Kinder laufe ich zu dem Ort zurück und beende schließlich meine Arbeit bevor die Moskitos kommen.

TELC¹
Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tamil Nadu, Südindien. Wurde 1919 gegründet.

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