Tagebucheintrag, Donnerstag 08.10.2019

Um der Hitze des Tages zu entfliehen zwinge ich mich früh auf zu stehen und bereits 7 Uhr mit meinen Exkursionen zu beginnen. Die erste Entdeckung ist ein geparkter Busse vor der Zion Kirche. Konzentriert übertrage ich die geschwungenen Designelemente der Busbemalung mit meinem Buntstift auf mein Papier. Währenddessen lerne ich zahlreiche Passanten kennen, die Aufmerksam auf mich geworden, jeweils um ein kurzes Gespräch bitten. Anders als zu Lebzeiten von Bartholomäus Ziegenbalg werden vor einer Verabschiedung gemeinsame Selfies gemacht.
Auf Grund des Wolken bedeckten Himmels entscheide ich mich spontan den nah gelegenen Hindutempel abzuzeichnen. Hier gibt keine Schatten spendenden Bäume und so muss ich jede Gelegenheit nutzen. Das am Eingangstor angebrachte Vorhängeschloss zu nächst meinen Plan, aber ich gebe nicht auf! Gibt es noch einen anderen Eingang? Entlang eines Weges, der an beiden Rändern fast vollständig mit Müll bedeckt ist gelange ich zum nahen Strand. In dem Moment, als ich meine Zeichnung beginne fragt mich ein großgewachsener, athletischer, junger Mann, nach Wasser. Mit seinen Händen zeigt er auf ein kleines bunt bemaltes Holzboot, das am Strand liegt und erzählt, das gerade vom Fischen gekommen sei. Stolz berichtet er, das er große Fische fängt und demonstriert seinen Bizeps.
An eine Fortsetzung meiner Zeichnung am Strand, ist jetzt nicht mehr zu denken. Die verschwundenen Wolken lassen mich schnell vor der intensiven Sonne flüchten. In der Queen´s Street setze ich im Schatten eines Baumes meine Arbeit fort. Während des Zeichnens schenke ich mittlerweile vorbei streunenden Hunden, Ziegen oder Kühen keine Aufmerksamkeit mehr. Dagegen stellen die unterschiedlichsten Insekten, wie Ameisen, Fliegen oder Moskitos meine Konzentrationsfähigkeit erneut auf die Probe.
Auf einem kleinen Seitenweg der Queen´s Street laufe ich an Wohnhäusern mit Palmenblätter bedeckten oder notdürftig mit Plastikplanen abgedeckten Dächern vorbei. Der Wegesrand ist auch hier mit Plastikmüll überseht. Vor einem Haus grast eine Geiß mit ihren Zicklein daneben hält ein Hund ein Schläfchen im Schatten eines Baumes. Ein guter Ort.
Während des Zeichnens entdecke ist auf dem Boden vor dem Haupteingang gezeichneten Rangoli¹ an der Wand eine kleine Fliese mit einer bunten Abbildung der hinduistischen Gottheit Ganesha. Mittlerweile haben die Zicklein Interesse an meinen Buntstiften gefunden. Zur Sicherheit verstaue ich diese in meinen Schoß.

Das scharfe Mittagessen, der tamilischen Köchin Baskera und eine Siesta geben mir Kraft für weitere Zeichnungen. In der Queen´s Street weckt ein orange-blaues Wohnhaus mit arabischen Schriftzeichen an den Fenstern mein Interesse. Während des Zeichnens spricht mich gepflegter Herr an, der sich als Architekt und Hotelmanager des größten Hotels in Tharangambadi vorstellt und mich spontan diesen Abend zum Essen in seinem Hotel einlädt.

Den Abend verbringe ich mit Amin Nath in dem ehemaligen kolonialen Verwaltungsgebäude des Gouverneurs von Tranquebar. Ohne Pause erzählt er aus seinem Leben. Als Architekt realisiert er monumentale Bauwerke, obwohl er nie Architektur studierte. Daneben ist er Vorsitzender einer großen Hotelkette in Indien. Beeindruckt von laufe ich zurück zu meiner Unterkunft.

Rangoli¹
Ist eine traditionelle Art in Indien, Häuser, Tempel, Eingänge zur verschönern. Früher wurde es aus religiösen Gründen gelegt, heute dient sie als Zeichen des Willkommens.

Tagebucheintrag, Sonntag 06.10.2019

Göttlicher Weckservice! Genervt wache ich circa 6:30 Uhr auf. Das Kopfkissen auf mein Ohr gepresst, höre ich laute christliche Lieder, die von Megaphonen aus der Neuen Jerusalem Kirche schallen. Widerstand ist zwecklos! Eine Stunde später steigt die Intensität der Lautstärke noch einmal. Auch bei großer Müdigkeit ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Zum Gottesdienstes am Sonntag verschwindenden die „wohltuenden“ Lieder und es beginnt die live Übertragung der Veranstaltung.
Mit einem aus dem Ziegenbalghaus geliehenen Plastikstuhl laufe ich zu einem auf der King´s Street abstellten Bus. Im Schatten sitzend und halb den Gottesdienst folgend zeichne ich die Details eines geparkten Busses ab. Wie auch in den anderen Tagen, erregt meine Anwesenheit ein großes öffentliches Interesse und so ergeben sich mit den Passanten kurze Gespräche.
Die nächste Zeichnung beginne ich in unmittelbarer Nähe zu der einst von Bartholomäus Ziegenbalg gegründeten Neuen Jerusalem Kirche. Während ich mich auf meine Zeichnung konzentriere lerne ich einen älteren Mann kennen, der mich spontan zur Taufe seiner Tochter einlädt. Die ganze Zeit in der Nähe der Megaphonlautsprecher sitzend beschließe ich meinen Ohren etwas Ruhe zu gönnen und laufe weiter die King Street Richtung historisches Stadttor. Ich finde einen guten Platz im Schatten sitze direkt dem Haupteingang eines Waisenhauses für Mädchen. Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick wie eine Ruine aus der wie aus dem nichts jetzt plötzlich aus den Fenstern mich Mädchen verlegen und kichernd zuwinken. Immer rufe sie „Hello“ und kichern einander zu. Als Kontrast dazu sitzt ein korpulenter Mann mit feinrib Achselshirt, der Betelnüsse¹ kauend, mit seine rotgefärbten Zähnen in meiner Nähe und versucht mich in ein Gespräch zu verwickeln.
Plötzlich öffnet sich das graue Eingangstor des Weisenhaus. Nach mehrmals lauten Muhen von drei großen davor wartenden Kühen erscheint eine ältere Frau und stellt ein großes Plastikgefäß vor den Tieren ab. Während ich die fressenden Kühe interessiert betrachte, beantworte ich regelmäßig die neugierigen Fragen der Passanten zu meiner Person, Herkunft und Grund für meinen Aufenthalt.

Am Nachmittag setze ich mein Studium der »Halleschen Berichte« fort. Irritiert lese ich in den 300 Jahre alten Aufzeichnungen von den Missionversuchen von den „schwarzer Heyden“. Ebenso glaube ich von Continuation Nr.1 zu Continuation Nr. 2 eine leichte Veränderung im Ausdruck bemerken. Bartholomäus Ziegenbalgs etwas skeptischer und misstrauischer Bericht von seinem Besuch des „schwarzen Häuptlings“ transformiert sich im Continuation Nr. 2 zu einem „Zuhörer“, der nach einem Dialog mit den Brahmanen sucht und sogar mehrmals bei ihnen übernachtet. Im Continuation Nr. 6 entdecke ich die„Malabarische Korrespondenz“ in denen vor 300 Jahren Bewohner von Tranquebar² antworten auf Fragen der Missionare geben.
Der Abend endet mit Krach, bei nah so wie er am Morgen begonnen hat. Neben lauten Böllerexplosionen höre ich viele läutende Glocken und Trompetenmusik zu hören. Auf Nachfrage erfahre ich das es sich um das Ende hinduistischen Feiertag „Navaratri“ handelt. Navarati oder Navadurga Parva ist das Festival, das der hinduistischen Gottheit Durga als Zerstörer des Bösen und des Elends gewidmet ist.

Betelnüsse¹
Unreife Betelnüsse werden kleingehackt. Üblicherweise werden diese in mit gelöschtem Kalk bestrichene Blätter gerollt. Der fertige Betelbissen wird gekaut und verfärben den Zähne und Zahnfleisch rot.
Tranquebar²
Name der Stadt Tharangambadi während der Zeit der Dänischen Kolonialzeit 1620 – 1845.

Tagebucheintrag, Samstag 05.10.2019

Auf dem Weg zum Hindutempel in der Stadt Thirukkadaiyur laufe ich mit Jasmin Eppert¹ die King´s Street in Tharangambadi entlang. Bevor wir das Stadttor passieren laufen wir an der Zion Kirche und Neuen Jerusalem Kirche vorbei. Die katholische Mädchenschule ist wie die anderen Schulen auch am Samstag geöffnet. Unterwegs kreuzen Ziegen, Kühe, Hunde uns Aufmerksamkeit zu schenken den Weg.
Am Ortsausgang befindet sich eine geschäftige und belebte Marktstraße. Hier bieten die verschiedensten Händler, wie an einer Perlenkette aufgereiht, ihre Waren und Dienstleistungen an. Es herrscht ein buntes und lautes Treiben der durch das Hupen von passierenden Fahrzeugen, die sich über die mit Schlaglöchern durchfurchte Straße begleitet wird. In Windeseile organisiert Jasmin Eppert eine preisgünstige Rikscha. Mit dem dreirädrigen Gefährt „made in Italy“ tuckern wir im schnellem Tempo in weniger als 10 Minuten nach Thirukkadaiyur.
Jasmin Eppert erklärt uns auf dem Weg das der Sri Amirthagateswarar Abhirami-Tempel eine besondere Bedeutung hat. Basierend auf der Legende wird angenommen, dass die Anbetung in diesem Tempel Paaren, die einundsechzig oder achtzig Jahre verheiratet sind, eine lange Lebensdauer beschert. So finden sich täglich dutzende Familien ein, um in großer Anzahl diesen besonderen Hochzeitstag mit einem hinduistischen Gottesdienst zu zelebrieren.

Barfuß passiere ich das mit bunt bemalten Götterfiguren geschmückte Haupttor des Tempels und betrachte die am Wegesrand sitzenden Händler, welche Opfergaben „to go“, aber auch buntes Plastikspielzeug anbieten. Dazwischen bitten Bettlerinnen mit leeren Aluminiumschüsseln in der Hand um Almosen.
Ich laufe erneut durch ein diesmal noch größeres Tor und betrete einen neuen Bereich Tempels, der aus langen Säulengängen besteht. Überwältigt von der Farbigkeit, der Ornamente, der Architektur in Kombination mit der Lautstärke der Trommeln und Blasinstrumenten, denke ich sofort daran hier vor Ort zu zeichnen und suche nach meinen Buntstiften und Zeichenpapier. Eine Familienprozession folgend gehe ich durch ein drittes Tor und betrete einen großen Innenhof, wo ein großer Elefant im prächtigen Gewand und eine Kuh nebeneinander stehen. Die verfolgte Familienprozession macht dort Halt und wirft den beiden Tieren zahlreiche Opfergaben zu.
Jetzt betrete ich eine große Halle, gestützt von einem monumentalen Säulengang. An den beiden Wandseiten entdecke ich viele kleine bunte Schreine mit Feuerstellen. In unterschiedlicher Anzahl sitzen bis zu kompletten Großfamilien herum. Priester leiten die Zeremonien, Musiker spielen, Photografen und Kameramänner halten das geschehen fest. Es riecht intensiv nach verbrannten Holz, Weihrauch und anderen mir unbekannten Harzen. Alle meine Sinne werden gleichzeitig reiz-überflutet. Wie instinktiv setze ich mich auf den Boden und beginne bunte Fragmente der umgebenen Schreine abzuzeichnen. Wie in Trance tauche ich in diese Welt ein und vergesse alles um mich herum. Zeitweise bilden sich Gruppen von interessierten Personen, die mich beim Zeichnen beobachten und befragen. Als ich die fertigen Zeichnungen präsentiere werden diese mir förmlich aus der Hand gerissen und wohlwollend, sowie staunend in der Gruppe herumgereicht.
Auf der Rückfahrt beschließe ich erneuten Tempelbesuch und die Anfertigung von mehrere großformatige Zeichnungen anzufertigen.

Jasmin Eppert¹
Direktorin des Ziegenbalghaus Museum Tharangambadi

Tagebucheintrag, Freitag 04.10.2019

Früh am Morgen laufe ich bei gefühlten 40 Grad im Schatten den kurzen Weg zum Museum im ehemaligen Ziegenbalghaus. Durch ein großes Steinportal betrete ich den Hof der einst von Bartholomäus Ziegenbalg gegründeten Waisenhaus Schule die bis zum heutigen Tag ausschließlich für Jungs reserviert ist. Doch auf dem sandigen Schulhof ist kein Schulkind zu sehen und betrete das mit großen weißen Säulen geschmückte Ziegenbalghaus. Bei einem Rundgang entdecke ich eine historische Hochdruckpresse, ähnlich wie sie einst auch Ziegenbalg für den Druck seiner ins tamilisch übersetzten Bibel drucken nutzte. Daneben betrachtete ich den mannshohen Schrank gefüllt mit tamilischen Holzletter und frage spontan die Diyana, meine Museumsführerin die Presse einmal selbst zu benutzen zu dürfen, da ich zufällig mein Zeichenpapier dabei habe.
Begeistert halte ich den ersten Druck in den Händen und möchte sofort mehrere Papiere bedrucken, um diese mit meinen Buntstiftzeichnungen zu kombinieren. Anfänglich kostet es mich ein wenig Überzeugungskraft Diyana zu erklären, das ich mit ihr gemeinsam experimentelle Drucke anfertigen möchte. Während die bedruckten Seiten trocknen begann ich unter den mächtigen weißen Säulen am Eingang des Ziegenbalghauses meine erste Zeichnung. Hierbei konzentrierte ich mich auf ein stark verfallenes Kirchengebäude auf dem Hof, das laut Aussage der Direktorin betreten werden darf.

Nach einer Mittagspause suche ich mit frischer Kraft erneut das Ziegenbalghaus auf. Der lehre Schulhof war nun mit Schulkindern in den verschiedensten Schuluniform gefüllt. Meine Anwesenheit bleibt nur kurz unbeobachtet, so dass ich alsbald von vielen grüßenden und mich anlächelnden Kindern umgebenen bin.
Im Museum stelle ich fest, das die Druckfarbe auf dem Papier durch die immense Luftfeuchtigkeit noch nicht getrocknet war. So nehme ich mir einen roten Stuhl, stellte diesen mitten auf dem Hof begann eine neue Zeichnung. Es dauerte nicht lang bis der Erste und dann fast wie im Dominoeffekt alle anderen Kinder mich wie Traube umlagern. Einen kurzen Moment versuche ich den Ansturm stand zu halten und mich auf meine Zeichnung zu konzentrieren. Doch schnell gebe ich dies auf. Die lachenden und scherzenden Kinder versuchen mich neugierig auf Tamilisch auszufragen, aber die Verständigung fällt sehr schwer. Plötzlich bittet mich einer der älteren Jungen, ob ich ihn Zeichnen könnte. In schnellen Strichen beginne ich, werde aber schnell mit dem vernichtenden Urteil der Kindermasse um mich herumstehenden Kinder konfrontiert. Selbstbewusst teilt mit der porträtierte mit, das er nun an der Reihe sei und ich nun von Ihm gezeichnet werden sollte. Um mich herum die heranrückenden Kinder lautstark die entstehende Zeichnung dokumentiert. Kichernd, schubsend und mich permanent berührend.

Nassgeschwitzt von dieser intensiven Begegnung verlasse ich den Schulhof und suche mir eine neue Stelle zum zeichnen. Auf einem Treppenabsatz eines Hauseingangs find ich in der flirrenden Hitze eine schattige Stelle. Während des Zeichnen einer Häuserfassade begegne ich erneut zahlreiche Schulkinder die auf dem Weg nach Hause interessiert neben mir stehen bleiben und mich mit ihren schwarzen Augen auf Tamilisch mit befragen. Auch die zahlreichen Straßenhunde fühlen sich in meine Nähe wohl und lassen sich in meiner Nähe nieder.
Am Strand zeichne ich am Abend bis zum Sonnenuntergang Teile einer hinduistischen Tempelanlage aus dem 13. Jahrhundert ab. Hinter mit baden derweil verschleierte muslimische Frauen im Wasser. Vom Meer aus höre ich das laute Tuckern der Fischerboote aus Tharangambadi.

Tagebucheintrag, Donnerstag 03.10.2019

Zerknirscht wache ich aus dem traumlosen Tiefschlaf auf. Bevor die Fahrt nach Tharangambadi beginnt bleibt nicht viel Zeit. Rasch schiebe ich mir ein paar irakische Datteln und indischen Zwieback in den Mund. Da ruft es auch schon von außen: „Komm Stefan, der Fahrer ist da!“.
Ein weißer SUV mit korpulenten Fahrer wartet bereits auf uns. An der Stoßstange entdecke ich links und rechts zwei schwarze Haarzöpfe. Auf Nachfrage erfahre ich, dass diese einst von Frauen geopfert in einem hinduistischen Tempel gekauft wurden. Sie sollen dem Fahrer und dem Auto Glück bringen sollen. Angesichts der Verhältnisse im Straßenverkehr hoffe ich auf die Wirkung.
In wilder Fahrt durch den dichten Verkehr verlassen wir unter ständigen Hupen Chennai. Die für mich waghalsigen Überholmanöver teilweise in dritter Reihe und die zahlreichen Eindrücke bei dem Blick an den vorbeirauschenden Gebäuden, Menschen und Tieren lassen fordern meine ganze Aufmerksamkeit, als plötzlich ein lauter Knall mich aus dieser Welt reißt. Der Fahrer teilt mit, das er gerade einen Hund mit unserem Auto auf Highway kollidiert sein. Was für ein Schreck, das uns nichts passiert ist.
Um uns von dem Schreck zu erholen machen wir eine Kaffeepause am Straßenrand. Der Verkäufer nimmt Milch aus einem großem Aluminiumtopf gießt diese auf ein einem viertel mit Kaffeesud gefüllten in Glas aus großer Höhe. Diese Prozedur mit Zucker ergänzt wird mehrfach wiederholt bis sich eine schaumige Krone bildet hat. Das Ergebnis ist köstlich.
Wie an einer Perlenschnur aufgereiht fuhren wir die nächsten beiden Stunden an unendlichen vielen Straßenhändler vorbei und erreichen die „internationale Stadt“ Auroville¹. Nach einem Einkauf, beim Bäcker und im Supermarkt, welche zu dem spirituellen Zentrum Auroville gehören steigen wir in das eiskalt herunter gekühlten Auto und werden weiter durch den quirligen Verkehr in Richtung Puducherry gefahren. Dort machen wir ein Stopp bei einer Papiermanufaktur, wo ich preisgünstig verschiedenste Sorten von Büttenpapier erwerbe. In Hitze erfrischen wir uns mit einer eine Kokosnuss, die wir bei einem Straßenhändler kaufen.
Wieder im klimatisierten Auto beginnt der zweite Abschnitt unserer Reise nach Tharangambadi. Unser Fahrer kämpft sich laut hupend Kilometer für Kilometer nach Süden über die immer schmaler werdenden Landstraßen. „Bald kommt die Grenze!“, mahnt der Fahrer und deutet an das Bier und den Rum zu verstecken, bevor wir den Polizei Checkpoint des Stadtstaat Puducherry zum Bundesstaat Tamil Nadu erreichen. Um so weiter wir Fahren, um so ländlicher wird die Landschaft. Aus dem Fenster sehe ich Reisfelder, Bananenplantagen und nun in größeren Abständen die mobilen Straßenhändler und Garküchen.
Wie scheinbar auf verschlungenen Wegen erreichen wir am frühen Abend Tharangambadi und fahren durch das historische Stadttor umgeben von den Resten der ehemaligen Stadtmauer in die Stadt. Direkt vor dem goldenem Denkmal von Bartholomäus Ziegenbalg kommen wir an, als die Sonne gerade über dem dänischen Fort untergeht. Streunende Hunde laufen über den großen mit Sand bedeckten Vorplatz, als ich mein Gepäck in das Gebäude mit der Aufschrift „Swedish Bungalow“ verstaue.

Auroville¹
Die Idee einer „universellen“ Stadt basiert auf der Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo und wurde seit den 1930er Jahren in die Praxis umgesetzt. Gegen eine Mitarbeit im Gemeinwesen, die in ihrer Ausgestaltung unterschiedlich aussehen kann, steht Aurovillianern ein monatlicher Unterhalt zur Verfügung, von dem die Lebenshaltungskosten bestritten werden können, sofern sie nicht über eigene Mittel verfügen. In Auroville leben 2719 Menschen aus 53 Nationen.

Tagebucheintrag, Dienstag 01.10.2019

Nachtflugverbot! Überrascht verbringe ich die Nacht mit meinen Koffern im Wartebereich. Mit meinen Armen durch die Haltegriffe meiner Taschen und Koffer verschränkt lege ich mein Kopf auf den großen Koffer. Der Reisepass und die Brieftasche stecken „sicher“ in meiner Unterhose. Trotz dieser ziemlich unbequemen Haltung falle ich wie apathisch in den Schlaf.
Erschrocken stelle ich fest, das es kurz vor vier Uhr am Morgen ist. Mit halb zusammengekniffenen Augen sehe ich mich um, versuche mein Glück und werde belohnt! Tatsächlich kann ich am einzigen geöffneten Schalter meine Koffer abgeben. Müde finde ich eine ruhige Ecke im Sicherheitsbereich und schlafe dort noch einmal bis sechs Uhr. Auf dem Weg dorthin beobachte ich zahlreiche Reisende, die in den Ecken, Bänken und sogar auf den Boden in den in den kreativsten Positionen die Nacht verbringen .
Am Abfluggate treffe ich auf bereits viele wartende Inder. Im Halbschlaf beobachte ich ein Bodenreinigungsmobil kreisend im Wartebereich. Plötzlich spring einer der wartenden Inder auf. Gestikulierend zeigt er den Fahrer vom Reinigungswagen sein Smartphone. Als das Anliegen gelöst ist umringen jetzt zahlreiche andere Inder den Fahren, um Hilfe zu bitten.
Aufgeregt, aber gleich auch voller Übermüdung steige ich in den Flieger und begrüße die überaus attraktive indische Sitznachbarin mit einem Lächeln.
Wie hat sich doch die Zeit verändert! Vor 300 Jahren war Bartholomäus Ziegenbalg mehrere Monate mit dem Schiff nach Indien unterwegs. Ich werde in acht Stunden die Indien sein. Dazu werden kühle Drinks und warmes Essen gereicht.
Mitternacht in Chennai. Einen endlosen Gang entlang laufend suche ich die Imigrationsbehörde. Ich möchte einer der ersten sein. Dabei laufe ich an zahlreichen kleinen Schreinen für die verschiedensten hinduistischen Gottheiten vorbei.
Am Schalter begrüße ich freundlich den Beamten. „Sie möchten, hier in Indien für eine NGO arbeiten!“, ist seine Antwort, als ich meine Dokumente und den Grund für meinen Aufenthalt erläutere. Streng werde ich nun aufgefordert den Beamten zu begleiten. Kurz angebunden mit, teilt mir der etwa 1,60 Meter kleine Mann mit, dass ich bis alle anderen abgefertigt sind warten muss. Anspannt überdenke ich meine Lage. Unglücklicherweise besitze ich keine Adresse von meiner Unterkunft in Tharangambadi, sowie eine Telefonnummer oder Kontaktadresse im Ziegenbalghaus. Nach endlosen Warten winkt mich der Beamte mit pechschwarzen Haaren und Schnauzer wieder an den Schalter. Mit „Sorry, I´m so sorry“ erkläre ich noch einmal und noch einmal den Grund für meine Reise. „Es gibt keine Ausnahme!“. Ich brauche die Telefonnummer und eine Adresse zu einer Kontaktperson, sonst erhalte ich kein Visa! Ich aktiviere den Romingdienst und rufe Jasmin Eppert, die Direktorin im Ziegenbalghaus in Tharangambadi an. Glücklicherweise kann ich Sie erreichen und übermittle die Angaben. „Machen sie Graffiti?“. Skeptisch fragt er mich erneut. Ich ziehe mein letztem „Joker“ und präsentiere einen Katalog mit Zeichnungen aus Kuba. Erstaunt durchblättert er die Seiten und empfehlt Workshops mit Kindern zu realisieren. Nach weiteren Beratungen mit anderen Beamten erhalte ich die Einreisegenehmigung und verlasse den Schalter nach dem ich meine Fingerabdrücke hinterlassen und fotografiert wurden bin. Das ist absurd! Ohne Kontrolle werde ich von den dösenden Beamten durch den Sicherheitscheck gewunken und der Alarm vom Metalldetektor ignoriert.
Als sich die Glasschiebetür betrete ich unbeschreibliche Atmosphäre aus Luftfeuchtigkeit, Abgasen, Rufen, Schreien und hupenden Fahrzeugen. Zum Glück erblickte ich sofort Jasmin Eppert und alle meine Anspannung lösen sich auf. Kurz darauf fahren wir in einem klimatisierten Taxi durch den wilden Verkehr von Chennai.

Tharangambadi Reports

Für das Tharangambadi-Stipendium der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt habe ich in intensiven Recherchen mich mit den Halleschen Berichte aus dem 18. Jahrhundert in der Franckeschen Stiftungen beschäftigt. In diesen wurden das Alltagsleben, die Kleidung, die Ernährung und die religiösen Bräuche der Menschen in Tranquebar detailliert beschrieben. In meiner Vorstellung entwickelte sich ein buntes Panorama der damaligen Verhältnisse und der Wunsch, einmal selbst nach Tharangambadi zu reisen und nach mehr als 300 Jahren auf Spurensuche zu gehen.

Ausgehend von den einstigen Orten der Mission möchte ich, wie Bartholomäus Ziegenbalg den Dialog mit den dort lebenden Menschen suchen. Meine Gespräche und Beobachtungen sollen direkt vor Ort in individuellen Zeichnungen und in Tagebuch-berichten dokumentiert werden. In einem permanenten Wechselspiel zwischen meinen täglichen Erlebnissen und den Halleschen Berichten suche ich nach einem zeitgeschichtlichen Dialog. Im Spannungsfeld dieses Dialogs zwischen Ziegenbalg, mir und den Einwohnern Tharangambadis suche ich nach Beschreibungen über die eigene Wahrnehmung und deren Transformation über die Jahrhunderte hinweg in die heutige Zeit. Welche Relevanz und Aktualität hat Ziegenbalgs Werk und die Hallesche Mission heute in Tharangambadi? Wie blicken die Einwohner auf Ihr Leben, welche Träume und Wünsche haben Sie?

Meine Absicht ist es, diesen mehrwöchige Prozess des Umherschweifens und der Begegnungen mit den Einwohnern in einem Arbeitstagebuch zu dokumentieren und alle parallel entstandenen Zeichnungen, wie Porträts von Einwohnern, Stillleben, Grundrissen von Gebäuden oder botanische Zeichnungen und anderen zu sammeln. Aus diesem Material möchte ich eine Installation entwickeln und diese, nach Absprache mit den Verantwortlichen des Ziegenbalghauses, temporär in eine Dauerausstellung integrieren. Während meines Aufenthaltes in Tharangambadi plane gleichfalls einen Workshop mit dem Titel 100 Postcards for Halle für Kinder und Jugendliche durchzuführen.

Ähnlich wie bei der Anfertigung der Halleschen Berichte im 18. Jahrhundert werden nach meiner Rückkehr alle Tagebuchaufzeichnungen gesichtet und gegebenenfalls redaktionell für die Veröffentlichung verarbeitet. Als Tharangambadi Reports werden meine Zeichnungen und Tagebuchtexte in einer Collage mit ausgewählten Briefen, Berichten und Kupferstichen aus den Halleschen Berichten in einem Künstlerbuch vereint. Dieses soll in einer limitierten Auflage, als inoffizielle Continuation Nr. 109 der Halleschen Berichte, wenn möglich in der Buchhandlung des Halleschen Waisenhauses, veröffentlicht und präsentiert werden.