Tagebucheintrag, Dienstag 29.10.2019

Booom! Aus großer Entfernung sehe ich eine Meute von Makaken-Affen vor einer Feuerwerkskörper werfenden Frau vom Gelände der TELC – Secondary School flüchten.
Minuten später stehe ich vor dem Hindu Tempel. Der intensive Regen in der Nacht hat den Platz davor in einen See verwandelt. Am äußersten Rand finde ich eine Stelle um vorbeizulaufen. Danach entdecke ich in einer kleinen Seitenstraße spannende Häuser zum Zeichnen. Jetzt brauche ich nur noch Schatten! Wieder balanciere ich mich artistisch an einer großen Pfützen vorbei. Plötzlich spricht mich ein Mann an. Vermutlich kennt er mich und meine Projekt, denn freundlich fordert er mich auf sein Haus zu zeichnen und preist mir sein Gebäude an.
Während ich meine Buntstifte für ihren Einsatz vorbereite wird die Nachbarschaft auf mich aufmerksam. Neugierig stehen die Passanten um mich herum und kommentieren bereits die ersten Striche der entstehenden Zeichnung. Auf diesen Weg lerne ich schnell die Bewohner des Haus, welche ich gerade zeichne, kennen. Es stellen sich die Großmutter, Großvater, Vater und der Sohn vor. Ihr Wohnhaus scheint erst kürzlich neugebaut zu sein. Davor befinden sich große Fischernetze zu trocknen ausgelegt. In der Straße scheinen viele Fischer zu leben den neben mir bildet sich mit der Zeit eine kleine Gruppen von ihnen. Lautstark und gestenreich unterhaltenen sich die Männer, immer wieder abgelenkt ist nicht einfach die Konzentration zu behalten. Währenddessen verfinstert sich der Himmel zunehmend.
Begeistert fertigt der Sohn bei Nieselregen Fotos von meiner fertigen Zeichnung mit seinem Smartphone Fotos an. Als ich dann eilig meine Zeichnung wird einpacke bietet mir der junge Mann spontan an mich mit seinem Motorrad zurück zu fahren. In Windeseile fahren wir davon. Ich bedanke mich vielmals und verspreche wieder zu kommen und ihm ein Kopie zu schenken.

Mehrere Wolkenbrüche später suche ich im Eiltempo bei dunkelgrauen, wolkenverhangenen Himmel einen Unterstand für die Anfertigung meiner nächsten Zeichnung. Jetzt keine Experimente! Es geht um schnelle Entscheidungen! In der Mosque Street finde ich eine gute Stelle. Zehn Minuten später beginnt es wie aus allen Eimer zu Schütten und das alte Ziegeldach über mir ist nicht ganz Dicht. Von Minute zu Minute wird der Regen und Wind immer intensiver. Notgedrungen rücke ich in die hinterste Ecke meines Unterstandes. Die Straße vor mir verwandelt sich immer mehr in ein Bach Wie in Trance vergesse ich die Zeit in enormer Leichtigkeit entsteht die Zeichnung auf dem Papier. Ich erwache wieder, als Muezzin zum Mittagsgebet ruft. Bei leichten Nieselregen tauchen die ersten Gläubigen und laufen Richtung Moschee. Dann taucht fast klassisch für Indien eine mächtige Kuh vor mir auf, um das Frische Gras in der Nähe von mir zu fressen.

Bei anhaltenden Regen warte ich auf Vinoth im „Ganesh Coffees und Teestall“. Als er kommt laufen wir, den Pfützen ausweichend weiter zur Marktstraße.
Im ersten Stock angekommen ziehen wir die Schuhe aus und stehen in einem Fotostudio. Der Fotograf ist gerade damit beschäftigt Passbilder von einem Kind anzufertigen.
Der Mann im Alter von Mitte 50 Jahren begrüßt uns. Er freut sich sehr über das Geschenk der Zeichnung. Erzählt, dass er die letzten 20 Jahre lang Soldat in der indische Armee war. Jetzt ist er Fotograf. Ein angenehmes Gespräch. Danach haben wir Pech. Die nächsten beiden Häuser gehören zu Muslimen. Diese müssen leider um 18 Uhr zum Gebet. Bei Pfarrer Samson haben wir auch kein Glück. Im Regen laufe ich nach Hause.

Tagebucheintrag, Montag 28.10.2019

Im Regen laufe ich auf der mit Feuerwerkskörper übersäten Queen´s Street. Um zum Hindu Tempel zu gelangen nehme ich Anlauf und springe über große Pfütze hinüber. In einem leerstehenden offenen Gebäude, das einer Bühne finde ich einen trockenen Platz zum Zeichnen.
Ich beobachte beim auspacken meiner Stifte, wie sich ein Paar von Hunden sich zärtlich gegenseitig das Fell pflegt. Der Boden unter mir ist mit Ziegenköttel und Urinlachen bedeckt. Um mich herum sitz eine Ziegenherde.
Nach kurzer Zeit werde ich von den ersten Kindern entdeckt. Gelangweilt beginnen sie permanent mein Papier anzufassen und mich wiederholend nach meinem Namen und meiner Herkunft zu Fragen. Dann reagiere ich nicht mehr und sie beginnen zu schreien.
Haben die Kinder kein Spielzeug, Bücher oder andere Dinge haben mit der sie ihre Freizeit verbringen können, anstatt täglich auf der Straße sich zu langweilen?
Ein Motorradfahrer hält spontan in der Nähe von mir an und fragt unvermittelt die üblichen Fragen an mich, die ich ihm geduldig beantworte. Anschließend möchte er wissen, wo sich meine Unterkunft befindet und wie viel ich dafür bezahle. Muss ich das beantworten?

Boooom! Plötzlich explodiert eine Feuerwerkskörper in meiner unmittelbaren Nähe. Der große leere Raum potenziert die Explosion um ein vielfaches. Erregt rufe ich den Kindern zu damit aufzuhören. Boooom! Boooom! Boooom!
Die auf dem Vorplatz des Hindu Tempels herumlungerten Jugendlichen werden auf mich Aufmerksam und stellen sich Halbkreis um mich herum. Es dauert nicht lange bis auch sie über die entstehende abstrakte Zeichnung lachen. „How old are you?“ fragen sie ironisch. Wie in einem Tunnelblick zeichne ich um meine Arbeit zu beenden und die unangenehme Situation zu verlassen kann.

Am Nachmittag regnet es immer noch in strömen. Erneut sitze ich auf der Queen´s Street bin am Zeichnen. Ein alter Mann bleibt neben mir stehen. Säuselnd singt er ein Lied. Dann erscheint ein Betrunkener, der auf tamilisch auf mich einredet dabei zeigt er mir einem großen Rochen, den er in der Hand hält. Zahnlos grinst er mich an. „Hello Sir“ und torkelte weiter. Heftiger Regen! Ich setze mich auf eine schmale Treppenstufe. Wenigstens habe ich etwas Ruhe zum Zeichnen. Dann begann das alte Spiel und die Kinder umzingelten mich erneut. Parallel halten zwei Motorradfahren an und bitte mich um ein Selfie mit mir an. Dann die selbe Gruppe von Jugendliche, wie am Vormittag. Als ob auch das nicht genug wäre kommen mich die Jugendliche ebenfalls besuchen. Allen Ansturm widerstanden finde ich einen kurzen Zeitraum der Konzentration bis die Moskitos mich endgültig vertreiben.

Tagebucheintrag, Samstag 26.10.2019

Geschützt unter meinem roten Regenschirm bin auf der Suche nach einem trocknen Platz zum zeichnen. In der Goldsmith Street ist auch nichts zu finden. An einer Uferstraße laufe entlang des tosenden Meeres. Dabei entdecke ich einen kleinen Hindu Tempel. Durch den verschlossenen Zaun sehe ich auf die bunt bemalten lebensgroße Götterfiguren.
Ich setze mein Weg am Meer fort und erblicke erstaunt zahlreiche Ruinen von alten tamilischen Fischerhäusern die nach dem Tsunami im Jahr 2004 bis auf die Grundmauern komplett zerstört wurden. Ein trauriger aber für auch ein magischer Ort. Es entsteht die Idee, diese Gebäudereste mit Fragmenten von meinen aktuellen Gebäudezeichnungen zu bemalen. Unter riesigen Kokospalmen finde ich daneben einen verfallenen Friedhof. Noch immer Suche ich nach einem Ort an dem ich im trockenen Zeichnen kann. Weiter laufe ich an Ruinen von ehemaligen Fischerhäusern, Palmenhütten und improvisierten Gebäuden vorbei.

Auf der Queen´s Street entdecke ich die überdachte Terrasse eines Rohbaus mit Blick auf ein Eckhaus. Hier kann ich bleiben! Während ich die ersten Striche auf das Papier setze lärmt von einer brachliegenden, mit tropischen Vegetation zugewucherten Grundstück eine Kettensäge. Bis jetzt ist mir noch keine Schulkind begegnet. Vielleicht ist heute ein Feiertag?
Inzwischen regt sich im Rohbau hinter etwas leben und ein kleines Mädchen begrüßt mich freundlich und schaut mir zu. Dahinter stehen ihre Oma und Mutter.
Laut rufend zieht die alte Fischverkäuferin trotz Regen wieder ihre Runde läuft mit ihrer großen Aluminiumschüssel auf dem Kopf vorbei. Plötzlich erscheint das kleine Mädchen wieder und zeigt mir lächelnd ein altes Schulheft und seine Filzstifte. Dann setzt sie sich mit ihrem roten Kleid mit weißen Punkten auf die staubigen Treppenstufen. Absichtlich hält das Mädchen ihr Schulheft so dass ich nicht sehen kann, was sie zeichnet. Ich staune sehr, das Mädchen zeichnet ohne Unterlass über einen langen Zeitraum.
Plötzlich hält vor mir eine Motorrad. Ein Fischer steigt dreckig und mit aufgedunsenen Händen und Füßen vom Motorrad. Es scheint als käme er direkt vom Fischerboot. Neugierig sieht er mir kurz über dich Schulter und begrüßt mich dann mit einem kräftigen Handschlag. Stolz zeigt er mir einen Beutel mit kleinen Fischen darin.

Ein verfallenes Gebäude das auch durch den Tsunami zerstört war ist am Nachmittag das Motiv für meine Zeichnung. Einst war hier die Einrichtung für die Lehrerausbildung untergebracht. An die Mauer der Zionskirche¹ gelehnt sitze ich direkt an der auf der Queen´s Street. Auf Nachfrage erfahre ich, das es in diesen Tagen das hinduistischen Lichterfestes Diwali² gefeiert wird. Während des Zeichnens lerne ich viele Studenten, Schüler oder Arbeiter kennen, die zu ihren Familien nach Tharangambadi zurückgekehrt sind. Teilweise komme ich durch vielen Gespräche minutenlang nicht zum Zeichnen, ebenso entstehen zahlreiche Selfies. Einige der Besucher schenken mir Knabbergebäck oder Süßigkeiten.

Zionskirche¹
Wurde im 1701 gebaut. Eine der ersten protestantische Kirchen in Indien.

Diwali²
Das Lichterfest ist ein bedeutendes mehrtägiges hinduistisches Fest und kann auf Grund seiner spirituellen sowie sozialen Bedeutung, sowie seines fröhlichen Charakters mit Weihnachten oder mit Silvester verglichen werden.

Tagebucheintrag, Donnerstag 24.10.2019

Auf der King´s Street unterwegs fordert mich vor der Kirche Neu-Jerusalem¹ plötzlich ein Mann auf Fotos von ihm vor der Kirche zu machen. Kein Problem! Im anschließenden Gespräch erzählt er mir das er ein Pfarrer in Chennai² sei und lädt zu sich ein, sowie zum Frühstücken ein. Freundlich erkläre ich, das es gerade nicht passt. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und verabschieden uns.
Ich setze meine Weg fort, dabei kommen mir zahlreiche Kinder in Ihren unterschiedlichen Schuluniformen entgegen. Einige erkennen mich wieder und grüßen im vorbeigehen. Im Nieselregen erreiche ich die Marktstraße und setze mich regengeschützt unter einen Balkon. Vor mir tuckert, quietscht, hupt und faucht der morgendliche Berufsverkehr auf der Schlagloch übersäten Straße. Die Rollläden von Sultans „Danish Shop“ sind noch geschlossen. Schnell werde ich von aufmerksamen Passanten angesprochen. Einer von ihnen heißt Vijay und ist einen jungen Fischer. Nach einiger Zeit der Beobachtung erkenne ich, das sich neben mir im Gebäude eine Tankstelle befindet. Anstatt Zapfsäulen wird das Benzin hier in Plastikflaschen Literweise verkauft.

Gegen 9 Uhr öffnet Sultan sein Laden und winkt mir grüßend zu. Durch Zufall begegne ich einen Fotografen, der im ersten Stock in dem Gebäude, an dessen Nähe ich sitze ein Studio betreibt. Ebenso erzählt er mir von seiner Zeit als Angehöriger der indischen Armee. Wir verabreden uns zu einem Gespräch. Spontan bekomme ich besuch von Sultan. Er freut sich sehr und teilt mir mit, das ihm die Zeichnung gefällt.

Am Nachmittag finde ich dank eines langen Vordachs eines traditionellen tamilischen Wohnhaus in der von Muslimen dominierten Naghuda Street einen trockenen Platz zum zeichnen. Im prasselnden Regen macht sich auch eine Katze hier bequem. Von weiten sehe ich eine trächtige Ziege, die mit einem kurzen Seil an ein Baum festgebunden ist und den Regenschauer ertragen muss. Mein Motiv ist ein prunkvolles mehrfach vergittertes Haus. Die Ruhe um mich herum lässt mich in meiner Zeichnung verschwinden.
Im Regen erscheint plötzlich eine Seniorin und zeigt mir in ein geflochtenen Korb kleine getrocknete Fische. Auf Tamilisch redet sie auf mich ein und lächelt mich zahnlos an. Ein alte Bewohnerin des tamilischen Hauses kommt dazu und drückt mit ihrer Körpersprache die Freude über meine Zeichnung aus. Dann verschwindet sie und kehrt mit ihrer Enkelin zurück. Auch sie soll anscheinend sehen, was ich zeichne. Mit einem Lächeln und den zusammengefalteten Händen bedanke ich mich.
Lautstark ruft Muezzin Nachmittagsgebet und ich weiß sofort wie spät es ist. Wenig später hält laut hupend ein gelber Schulbus der Marke „Mahindra“ vor mir an und ein kleiner Junge in seiner blaugrünen Uniform steigt aus von seiner Oma begrüßt. Sein Interesse an meiner Tätigkeit scheint groß zu sein. Minutenlang steht er interessiert neben mir, um mich bei meiner Arbeit zu beobachten. Dies hat ein Ende als die resolute Oma eingreift und dem kleinen im Haus verschwindet. Kurze danach verlässt das Kind mit muslimischer Gebetsmütze das Haus Richtung Moschee.

Kirche Neu-Jerusalem¹
1718 im Auftrag von Bartholomäus Ziegenbalg im dänischen Architekturstil erbaut.

Chennai²
Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. Entstand während der britischen Kolonialzeit um das 1640. gegründete Fort St. George herum.

Tagebucheintrag, Dienstag 22.10.2019

Endlich wieder Sonnenschein! Bei „milden“ 30 Grad im Schatten laufe ich auf der Queen´s Street. Hunderte von Libellen schwirren um mich, wie in einem Märchenfilm in der Luft. Spontan biege ich in die Naghuda Street ab und entdecke ein fliederfarbenen Haus, das mich auf den ersten Blick an einen Kindergarten erinnert.
Gefühlt ist die Anzahl der Moskitos durch die Regenzeit um ein Maximum gestiegen. Die Konzentration auf meine Zeichnung fällt mir schwer. Ständig sehe ich „Blutsauger“ im Augenwinkel, die mich durch die Bekleidung hindurch stechen. Direkt in der Sonne zu sitzen bedeutet, weniger Moskitos, aber dafür mehr Hitze und einen Sonnenbrand.
Auf ihren täglichen Routen fahren die Straßenhändler, wie u.a. die Fischverkäuferin, der Milchmann, das Elektroschrottauto und ein Maniokverkäufer auch heute an mir vorbei. Ebenso lerne ich neue Passanten kennen. Ihre häufigsten Fragen sind: Was machst du da? Warum? Woher kommst du? Wie ist dein Name? Wie alt bist du? Bist du verheiratet?

In der flirrenden Mittagshitze laufe ich die Queen´s Street bis zum Buckingham Kanal. Dieser ist an beiden Uferbereichen fast vollständig mit einem Müllteppich verkleidet. Weiter auf der Rani Street unterwegs betrachte ich ausgenommene Fische zum trocknen auf dem Asphalt ausgelegt. Wahrscheinlich eine günstige Methode, den Fisch ohne Eis haltbar zu machen.

Vor dem Wohnhaus von Ganesh sitze ich im entspannt im Schatten von zwei Bäumen und beginne ich mit meiner Zeichnung. Rasch bemerkt er meine Anwesenheit und stattet mir ein Besuch ab. Freundlich bietet er mir einen Tisch als Unterlage, Essen oder Trinken an. Mit zusammengefalteten Händen bedanke ich mich bei ihm.
Das Haus von Ganesh könnte einer Phantasie eines kleine Kindes entstammen. Hauptsächlich besteht aus den Farben pink, rosa, hellblau und dunkelblau. Dermaßen inspiriert, zeichnet sich meine Zeichnung praktisch wie von allein. Etwa zwei Stunden kommt Ganesh´s Angebot eines Kaffees wie gerufen. Das heiße, zuckersüße Getränk genieße ich in vollen Zügen. Nach und Nach lerne ich auch seine drei Kinder kennen, die einzeln nach einander aus der Schule kommen.
Auf dem Rückweg fährt langsam ein Kleintransporter an mir vorbei. Ein junger Mann auf der Ladefläche wiederholt mantraartig mit heißer Stimme in ein Mikrophon sein Sonderangebot an frischen Äpfeln und Orangen.

Am Himmel donnert und blitzt es gewaltig, um schnell zu Marktstraße zu gelangen setzt sich Vinoth auf mein Fahrradgepäckträger. Torkelnd fahren wir durch die unbeleuchteten Straßen. Im „Danish Shop“ bei Sultan ankommen, teilt uns seine Angestellte mit, das er gerade beim Abendgebet sei. Freundlich bekommen wir zwei Hocker gereicht nehmen im Innenraum des Ladens dichtgedrängt zwischen Kisten, Stiften, Papier, Süßigkeiten und anderen Verkaufsartikel platz. Bald erscheint Sultan und das Gespräch beginnt. Während es laut Blitzt und Donnert unterhalten wir uns über seine Arbeit als Historiker und das Verhältnis der verschiedenen Religionen in Tharangambadi. Als Herausgeber und Autor von einer Stadtchronik von Tharangambadi ist er gerade damit beschäftigt die 6. Auflage zu veröffentlichen. Während unser Gesprächs möchte er Fragen zum Zusammenleben und zu möglichen Konflikten zwischen den Religionen nicht beantworten. Hastig verabschieden und bedanken uns für seine Antworten.
In Windeseile fahre durch den einsetzenden starken Regenschauer. Bei lautem Donner, Blitze und heftige Windböen komme ich verschwitzt im dunklen zurück zu meiner Unterkunft.

Tagebuch, Sonntag 20.10.2019

An einem orange und grünen Eckhaus bleibe ich stehen, setze mich auf meinen Plastikstuhl und beginne auf der Straße mit meiner Zeichnung. Schnell erhalte ich Besuch von einem Mann, der im Haus wohnt. Erfreut berichtet er, das er selbst auch Künstler ist und sich sehr auf meine Zeichnung freue. Misstrauisch blicke ich auf dunkle Regenwolken, als plötzlich der Milchmann neben mir anhält. Nach einem kurzen Smalltalk nutze ich die Gelegenheit und bitte ich ihn, um seine Handynummer, die er mir schnell auf die Rückseite des Zeichenpapiers notiert.
Fluchtartig packe ich meine Sachen zusammen, um vor dem Regen zu flüchten. Mein Plastikstuhl als Regenschutz auf dem Kopf laufe ich schnell durch das Stadttor, dann bei „Ganeshan Tea Stall“ vorbei und weiter über die Brücke des Backinghan Kanals zur Einkaufsstraße. Hier finde ich einen trockenen Platz unter dem Vordach von Sultans „Danish Shop“. Leider befindet sich in unmittelbarer Nähe ein riesen großer Haufen Kuhscheiße mit hunderten Fliegen. Ich habe keine Wahl! Ich muss den Geruch und die lästigen Insekten ertragen.
Von Minute zu Minute steigert sich die Intensität des Regens und überdeckt das laute Treiben, der Autos, Rikschas, Motorräder, Passanten und Tiere. Im strömenden Regen läuft eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern vor mir vorbei. Einer der Kleinen trägt nur ein Hemd. Gemeinsam stellen sie sich in meine Nähe unter das Vordach unter. Der Regenguss ist so heftig, das ich an das Rollladentor gepresst auf meinem Stuhl sitze. Einer Notgemeinschaft gleich stehen die anderen wartenden um mich herum und beobachten zur Überbrückung der Wartezeit das Zeichnen. Diese Augenblicke sind für mich einmalige Erlebnisse, die sich im wahrsten Sinn in meine Zeichnungen einzeichnen. Auch der stärkste tropische Platzregen hört einmal auf. Die um mich herum stehenden Personen laufen verschwinden. Nach exakt fast drei Stunden beende ich meine Zeichnung und laufe zurück. Am Stadttor werde ich von Motorradfahren spontan angesprochen. Ein etwa 50 jährigen Mann bietet mir eine kostenlosen Transport bis zum Ende der Straße an und so fahre ich inklusive meines Plastikstuhls glücklich davon.

In meiner Unterkunft setze meine Lektüre von „Die Malabarische Korrespondenz. Tamilische Briefe an deutsche Missionare “ herausgegeben Kurt Liebau fort. Im Vorwort lese ich interessiert, das die Namen der tamilischen Absender in den Briefen damals bewusst verschwiegen bzw. weggelassen wurden, um sie abstrakt als „Heyden“ und nicht als gewöhnliche Menschen darzustellen. Für mich stehen die Menschen und ihr Alltag in Tharangambadi im Mittelpunkt.

Am Nachmittag laufe ich bei strömenden Regen zum „Ganeshan Tea Stall“. Vinoth wartet schon. Mit einem heißen Kaffee in der Hand beginnen wir unser erstes Gespräch mit einem der Hausbewohner der von mir gezeichneten Häuser. Der Regen trommelt laut auf das Wellblechdach, als ich meine Fragen an Ganesh im „Ganeshan Tea Stall“ stelle. Ich bedanke mich für seine Unterstützung und schenke ihm ein Kopie meiner Zeichnung.
Im Regen laufen wir die Verkaufsstraße entlang, die jetzt komplett unter Wasser steht zum nächsten Haus. Wir haben Glück! Die vier Generationen Familie ist anwesend. Auf der Veranda, direkt neben der Hauptstraße unterhalten wir uns eine halbe Stunde. Erneut bekommen wir Tee angeboten und erneut erfahre ich Geschichte um die Tsunami-Katastrophen im Jahr 2004 und 2006.
Über eine einsturzgefährdete Brücke auf der drei Angler ihr Glück probieren laufen wir zur Queen´s Street und führen dort noch zwei weiter Gespräche. Zufrieden u bedanke ich mich für die Hilfe von Vinoth und laufe müde zur meiner Unterkunft.

Tagebuch, Mittwoch 16.10.2019

Die Regenzeit ist da! Wie gestern Morgen regnet es auch heute in Strömen. Ein Stromausfall komplettiert die schwierige Lage. Sofort reagiere ich auf den nachlassenden Regen und verlasse mit meinem Plastikstuhl und Stiftebeutel die Unterkunft.
In der Goldsmith Street entdecke ich ein halb verfallenes traditionelles tamilisches Gebäude. Das es nicht gerade nicht regnet stelle ich kühn meinen Stuhl mitten auf die Straße und beginne mit meiner Zeichnung. Das Haus besitzt ein in Teilen zusammengefallenes Ziegeldach. Die Dachkonstruktion aus Bambusstämmen und verputzten Ziegelsteinwänden sind in einem ähnlich kritischen Zustand. Auf Nachfrage erfahre ich, dass dieses Haus seit dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 nicht wieder aufgebaut wurde und die Besitzer jetzt an einem anderen Ort leben.
Fluchtartig verlasse ich meinen Platz, als ich die ersten Regentropfen wahrnehme.Glücklicherweise entdecke ich in der Nähe eine überdachte Einfahrt eines Wohnhauses, das neu nach dem Tsunamis gebauten wurde. Von hier, denke ich, kann ich entspannt von einer guten Position aus Zeichnen. Der Regen wird von Minute zu Minute immer intensiver und ich rutsche mit meinen Stuhl immer weiter in die Garage hinein. Trotz des heftigen Regens läuft die alte Fischverkäuferin vor der Garage auf dem Weg vorbei.
In einer Symbiose gleich unterhalte ich mit meiner Anwesenheit die Bewohner der Hauses und ein Gespräch entwickelt sich. Ebenso komme lerne ich den Nachbarn kennen. Er berichtet, das er aus Nepal stammt und sich hier vor kurzer Zeit ein Haus in Tharangambadi direkt am Meer gekauft hat. Er sagt, dass er keine Angst vor dem Meer habe. Während des Zeichnens entdecke ich in einer Entfernung von 20 Metern einen Pfau, der im Regen geschützt auf einem Blatt einer riesigen Kokospalme steht.
Auf dem Rückweg erkenne ich die Goldsmith Street nicht mehr wieder. Die Straße hat sich zu einem „Goldsmith-Stausee“ verändert und ich stapfe durch Knietiefes Wasser.

Am Nachmittag laufe ich zum Masilamaniswarar Shiva Temple¹ am Meer, um dort meine Zeichnung fortzusetzen. Am geschlossenen Eisengittereingangstor ohne Vorhängeschloss überdenke ich kurz meine Option. Mein Drang jetzt hier zu Zeichnen ist einfach zu stark. Von außen öffne ich den Verriegelungsbolzen, ziehe meine Schuhe aus und betrete mit klopfenden Herzen Tempelanlage. Bevor ich beginne zu zeichnen versuche ich den Tempelwächter um Erlaubnis bitten. Mein „Hello Sir“ weckt den auf dem gefliesten Boden neben den Hunden schlafenden Mann nicht auf. Erst nach einem erneuten Versuch erkläre ich mit Handzeichen den Grund meines Aufenthaltes. Verschlafenen gibt er mir die Erlaubnis für meine Vorhaben.
Während des Zeichnen genieße ich die entspannte Atmosphäre und vergesse die Aufgregung in den letzten Tagen. Durch Luft schwirren große Schmetterlinge und Libellen. Aus der Ferne rauscht das Meer. Die Traumwelt unterbrechen freche Ziegen, die sich durch ein kleines Loch im Zaun gequetscht haben und nun hastig das saftige Gras auf einer Wiese fressen. Die wilden Tempelhunde zögern nicht lange sorgen nach kurzer Zeit für Ordnung .
Durch einen plötzlichen kräftigen Regenguss fliehe ich zu den Hunden und dem Tempelwächter in die zentrale Pagode und setzte meine Arbeit dort fort.

Masilamaniswarar Shiva Temple¹
Wurde im Jahr 1305 erbaut und hat einzigartige architektonische Elemente.
Ist einer der wenigen Tempel in Südindien, welche direkt an der Küste liegen.

Tagebuch, Montag 14.10.2019

Als ich meine Unterkunft verlasse regnet es in Strömen. Das erste Mal seit dem ich in Indien bin erlebe ich intensiven tropischen Regen. Ein Vorgeschmack auf die kommende Regenzeit?

Glücklicherweise hört der Regen fast pünktlich zu meinem Termin mit Jasmin Eppert und Vinoth Kumar ihren Mitarbeiter auf. Beiden stelle ich mein Konzept für das geplante Buch und das weitere Vorgehen für die Realisierung vor. Ohne ihre Unterstützung ist mein Buchprojekt kaum vorstellbar zu realisieren. Konkret plane ich gemeinsam mit Vinoth alle Bewohner, deren Haus gezeichnet habe zu besuchen und mit ihnen Gespräche führen. Von ihnen möchte ich erfahren, wie ihr Alltag und ihr Leben 300 Jahre nach Bartholomäus Ziegenbalg in Tharangambadi ist. Ebenso plane ich mit Vinoth Passanten auf der Straße anzusprechen und die gleichen Fragen aus der»Malabarische Korrespondenz« erneut den zu stellen.

Um meine Vorräte aufzufüllen fahre zur Mittagszeit mit dem Fahrrad zur Marktstraße am Ortseingang in Tharangambadi. Zuerst steuere ich den Gemüseladen an und bediente mich, eigentlich unüblich, am Obst und Gemüseangebot selbst. Mit zwei riesig gefüllten einen ganzen Stoffbeutel¹ mit Kartoffeln, Karotten, Rettich, Okraschoten², Karela³, Chayote4, Ingwer, Bananen, Guaven und Äpfeln. In der Nähe kaufe ich in einem Eckladen noch Reis, Zwieback und bei Ganesh´s Coffeeshop einen Beutel mit Milch. In der drückenden Hitze spricht mich spontan ein Mann an und berichtet mir, das er Lehrer sei und Teil einer freien Kirchgemeinde ist. Seine spontane Einladung in zu seiner Schule zu begleiten kann ich leider nicht annehmen und mit vollbeladenen Taschen fahre ich weiter.

An einer Ecke, wo ich bereits vor zwei Tagen gezeichnet hatte finde ich ein perfekter Platz zum Zeichnen. Ein Luftzug sorgt für eine angenehm frische Brise. Mein Motiv ist ein gegenüberliegendes Eckhaus. Im Erdgeschoss befindet sich ein Laden und im Obergeschoss eine noch im Ausbau befindliche Etage. Meine Zeichnung beginnt, als die Farben gewählt und das Audiogerät eingeschaltet ist.
Als der Muezzin zum Gebet ruft, bleibt nur noch wenig Zeit bis die ersten Kinder die Schule verlassen und bei mir vorbeilaufen. Ich bin aufgeregt, weil ich weiß, dass ich damit rechnen kann wieder eingekreist und über einen längeren Zeitraum geärgert zu werden. Wie vermutet versuchen einzelne Kinder mich zu provozieren, in dem sie schlagen oder mir das Papier wegzunehmen möchten. Mehrmals bitte ich die Kinder mich zeichnen zu lassen.
Erst mitten in der Dämmerung beende ich erschöpft und müde meine Zeichnung.

Stoffbeutel¹
Plastiktüten, Becher und Strohhalme sind seit Januar 2019 in Indien verboten. Im Oktober 2019 nahm die indische Regierung davon Abstand. Ein Verbot könnte sich zu stark auf die Wirtschaft im Land auswirken, hieß es.
Okraschoten²
Eine der ältesten Gemüsepflanzen und heute als Gemüsepflanze fast auf der ganzen Welt verbreitet.
Karela³
Eine tropische die Frucht die einen extrem bitteren Geschmack hat, der auf die Anwesenheit eines ungiftigen Stoffes zurückzuführen ist.
Chayote4
Eine rankende Pflanze der Subtropen und Tropen. Das Innere der Frucht schmeckt sehr dezent nach einer Mischung aus Kartoffel und Gurke.

Tagebucheintrag, Samstag 12.10.2019

Bereits am Morgen scheint die Sonne intensiv und erbarmungslos. Zum Glück muss ich nicht weit laufen bis ich ein passendes Haus mit Schattenplatz finde. Das Gebäude ist mit intensiv, leuchtenden Farben in gelb, orange, blau und malve angestrichen. Auf den Mauern sind Bibelzitate auf Tamilisch zu lesen und auf der Dachspitze prangt ein blaues Kreuz mit der Aufschrift Bethlehem.
Während ich meine Buntstifte beginne auszuwählen und das Papier vorzubereiten stehen bereits die ersten Besucher in Schuluniformen um mich herum. Langsam an die Umstände angepasst bleibe ich gelassen, obwohl die Anzahl der mich umringenden Kinder jetzt auf ein Dutzend anwächst. Weitere Kinder strömen hinzu, so dass ich dicht getränkt, Körper an Körper, an die Kinder gepresst bin. Kein Luftzug kommt mehr zu mir und ich fange an zu Schwitzen. Dennoch versuche ich mich weiter auf das Motiv zu konzentrieren bis die in der Nähe läutende Schulklingel mich von „Belagerung“ befreit.
Anstatt jetzt die nötige Konzentration für meine Zeichnung zu finden, wechsle ich nach wenigen Minuten meinen Sitzplatz, weil die Sonne immer intensiver und der Schatten immer weniger wird. Ein Straßenhund liegt derweil gelassen auf dem Boden und döst neben mir in der Sonne. Parallel dazu stehen die Schulkinder auf dem sandigen Schulhof singen laut im Chor. Mit den Worten „God bless you!“ lächelt mich eine ältere Frau, welche gerade das Haus verlässt.
Die Sonne hat nun erneut meinen Sitzplatz erobert. Wieder ziehe ich um. Von Platz zu Platz verändert sich auch die Perspektive meiner Zeichnung. Freundlich grüßt mich der vorbeifahrende Milchhändler und die laut rufende Fischverkäuferin. Ein kleiner Junge erscheint neben mir und zeigt mir verlegen seine Zeichnungen. Ich sehe auf abgezeichnete Comicmotive und bunte Ausmalbilder.

Eine Siesta und ein paar Stromausfälle später mache ich erneut auf den Weg. In einer kleinen Gasse finde ich einen schattigen Ort zum Zeichnen.
Im Augenwinkel nehme ich sich bewegende Schatten auf dem Fußboden wahr, blicke mich um und sehe zwei Affen die über mir auf einer Mauer entlang laufen. Aus Angst platziere ich meine Tasche ab sofort zwischen meinen Beinen. Anschließend erscheint ein etwa zehnköpfiges Rudel mit wilden Hunden. Respektvoll zwinge ich mich, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken und stattdessen weiter zu zeichnen. Als der Gebetsruf aus der Megaphonen der Moschee ertönt, ist es 15:45 Uhr. Mir bleiben noch anderthalb Stunden für die Beendigung meiner Zeichnung bleiben, bevor die „Moskito Zeit“ beginnt.
Nach dem Schulschluss in der TELC¹- „Bishop Johnson Memorial Higher Secondary School“ läuft an meinem Platz eine Gruppe von Schulkindern nach den anderen vorbei. Dichtgedrängt stehen die Kinder lautstark um mich herum. Einige von ihnen testen, wie weit sie gehen können. Mich ständig anfassend entwickelt sich eine aggressive Stimmung gegen mich. Fluchtartig verlasse ich den Ort und verliere meine Zeichnung. Als ich den Verlust feststelle. Laufe ich den Jugendlichen schnell hinterher. Am Stadttor erreiche ich sie und fordere sie lautstark auf mir die Zeichnung zurückzugeben. Lautes lachen ist Antwort bis ein Junge aus der Gruppe mir die Zeichnung zurück gibt und sich entschuldigt. Sauer über diese Respektlosigkeit der Kinder laufe ich zu dem Ort zurück und beende schließlich meine Arbeit bevor die Moskitos kommen.

TELC¹
Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tamil Nadu, Südindien. Wurde 1919 gegründet.

Tagebucheintrag, Freitag 11.10.2019

Mein Geburtstag! Trotzdem stehe ich 6:30 Uhr auf. Mit Vorfreude laufe ich auf der Queen´s Street zu der Stelle, wo ich gestern wegen der Moskitoangriffe meine Zeichnung abbrechen musste. Die frühe Uhrzeit, sorgt dafür, das mein Plart sich noch im Schatten befindet. Parallel zur Fortsetzung meiner Zeichung verbrennt ein Mann in unmittelbarer Nähe seinen Müll am Wegesrand. Der beißende Geruch der schwarzen Rauchschaden brennt in meinen Augen. Wenigstens bleiben vielleicht so die Moskitos weg? Vor Tagen hatte mir Jasmin Eppert erklärt, das es in Indien oft keine Abfallentsorgung gibt. Die einfachste Methode ist den Müll zu verbrennen.
Als ich meine Zeichnung beende, besucht mich die Hausbesitzerin lächelnd. Ich verstehe, das ihr meine Zeichnung gefällt. Ich bedanke mich mit zusammengelegten Händen und verspreche ihr ein Kopie zu schenken.
Vor einem anderem Haus auf der gleichen Straße bereite ich meine Buntstifte und das bedruckte Papier für ihren Einsatz vor. Dabei besucht mich ein Bewohner des gegenüberliegenden Hauses und befragt mich nach meinem Projekt in Indien. Im Anschluss stellt er einen blauen Kanister auf die Straße, den kurze Zeit später eine Frau in einem geschweißten Rollwagen entleert. Gibt es doch eine Müllabfuhr in Tharangambadi?
Seit ein paar Tagen auf der Straßen von Tharangambadi unterwegs erkenne ich zunehmend die täglichen Routinen der Menschen. Ein Beispiel ist der Milchverkäufer auf seinem Motorrad, der meistens gegen 10 Uhr die Queen´s Street entlang fähr. Zu dieser Zeit drehen die mir schon bekannten Bettler, welche mutmaßlich zur untersten Kaste¹ in Indien gehören ihre Runden. Auf der Flucht vor der aufsteigenden Sonne rücke ich mit meinem Plastikstuhl immer näher an die hinter mir liegende Mauer bis ein weiter Zeichnen in der Sonne unmöglich ist.

Am Nachmittag laufe ich auf der Mosque Street an einer an einer Baustelle mit einer Gruppe von Bauarbeitern vorbei. Im Schatten sitzend sind sie gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt. Erstaunt sehen sie mich mit meinem Plastikstuhl vorbeilaufend zu.
Vor der leuchtend gelb und grün angemalten Moschee finde ich einen schattigen Platz zum Zeichnen. In der flirrenden Mittagssonne komme ich mit einem älteren Mann ins Gespräch, er ist zufälligerweise der Imam der Moschee. Während in der Nähe die Ziegen in der Hitze grasen werde ich von einem anderen weiß gekleideten Mann freundlich angesprochen. Sein Name ist Sultan, er ist Besitzer des „Danish Shop“ auf der großen Marktstraße und leidenschaftlicher Stadthistoriker von Tharangambadi. Interessiert bitte ich ihn, um seinen Kontaktdaten.
Kurz vor 15:45 Uhr ruft der Muezzin mit Megaphonen lautstark die Gläubigen zum Nachmittagsgebet auf. Sein Ruf folgen ausschließlich Männer die auf dem Weg zum Gotteshaus oft einen kurzen Halt bei mir einlegen, um die entstehende Zeichnung zu betrachten.
Während der Gottesdienst mit Megaphon übertragen mich gut unterhält wird eine Gruppe von Kinder auf mich aufmerksam und gibt mir Tipps für die „Verbesserungen“.

Kaste¹
Von Geburt an bis zum Tod bleibt ein Hindu an seine Kaste gebunden. Die Einteilung der Menschen in Gruppen und eine strenge Rangordnung sind die Merkmale des indischen Kastensystems.
Die klassische Ordnung des Kastensystems gliedert sich in vier „Hauptkasten“, sogenannte Varnas. Jede dieser Varnas ist mit einer Farbe verbunden. Die Brahmanen als oberste Kaste sind besonders hoch angesehen und haben die Farbe weiß. Darunter rangiert die Kriegerkaste der Kshatriyas (rot). Darauf folgen die Vaishyas (gelb), traditionell Bauern und Kaufleute. An unterster Stelle der vier Varnas stehen die Shudras (schwarz), die meist Diener, Knechte oder Tagelöhner sind. Menschen, die zu den Unberührbaren gezählt werden, lehnen diese Bezeichnung ab. Sie nennen sich selbst „Dalits“ und sind Nachfahren der indischen Ureinwohner.