Idli, Chidambaram und postkoloniale Allüren

Bisher hatten wir uns noch nicht viel wegbewegt, denn alle interessanten Dinge sind zu uns gekommen. Gleich am ersten Wochenende haben wir Prof. Dr. Dr. Daniel Jeyaraj, Professor of World Christianity, Liverpool Hope University, und seine Frau Scheila kennengelernt. Prof. Jeyarai hat im Ziegenbalghaus eine Art Vorlesung gegeben über die historischen Palmblattmanuskripte. Seine Frau Shiela ist echt `ne Granate. Am Samstag hatten wir zu diesem Anlaß den Koch zum Fisch kaufen begleitet und später am Tag an der „Speisung der 5000“ im Spiritual Center teilgenommen. Prof. Jeyarai hat 1990/91 seinen Doktor in Halle gemacht. Es war sehr interessant sich mit ihm und seiner Frau über die direkte Nachwendezeit aus deren Perspektive zu unterhalten.

Im Spiritual Center wird das Essen vorbereitet, links Jasmin, rechts Vinoth
Wir mit Fam. Prof. Jeyarai im Bungalow On The Beach

Dann kam „Poppi“ zu Besuch, eine Freundin von Jasmin, Doktor der Bio-Chemie mit besonderem Forschungsgebiet HIV und Gelbfieber. Granate Nr. 2! Sehr witzig und selbstgewußt die indischen Ladies. Poppi hat uns ausführlich erklärt, wie Idli hergestellt wird, eine typische indische Frühstücksspeise. Hat so eine Konsistenz zwischen Grießbrei und Polenta und ist sehr aufwendig in der Herstellung. So ganz kurz: eine Mischung aus stundenlang gekochtem Reis- und Linsenbrei, der dann noch 24 Stunden fermentiert und anschließend dampfgegart wird. Poppi hat uns dann auch gleich zu selbstgemachtem Idli eingeladen. Na sagen wir mal fast selbstgemacht. Die fermentierte Grundmasse hat sie dann doch gekauft 😉

Idli mit Kokos Chutney und noch einer Soße
Frühstück mit Poppi (Mitte)

Allwin, der kein Freund von Idli ist, wollte nun in nichts nachstehen und konterte mit einer Einladung bei seiner Familie zu Dossas. Bei Dossa, wie wir gelernt haben, handelt es sich um den gleichen Teig, nur 1 bis 3 Tage länger fermentiert und damit mehr gesäuert. Rein äußerlich vergleichbar mit Crepes. Seine Mutti, meinte er, macht die Besten. Und in der Tat, das können wir jetzt bestetigen. Also verhungern werden wir hier nicht! Um Mutti bloß nicht zu enttäuschen und unserer Meinung, dass das wirklich super Dossas sind, über die Sprachbarriere hinweg Ausdruck zu verleihen, haben wir auch mehr gegessen als wirklich reinging. Wie ich aufgeklärt wurde, ist die permanente Frage, ob, wann oder was man gegessen hat, so ungefähr wie unser „Wie geht’s?“, wenn nicht wichtiger. Außerdem haben wir uns mit Allwins Mutter und Schwester so 3 bis 4 Hochzeitsalben angeguckt. Ich kann nur sagen: Glitzer geht immer. Das wird mein künstlerisches Verständnis nachhaltig prägen. Die ganze deutsche Kitschdebatte können wir uns eigentlich klemmen. Es versteht ohnehin niemand außerhalb von DE, was wir damit überhaupt meinen 😉

Vinoth hat zudem noch Ernesto aufgetrieben. Französischlehrer aus Argentinien. Ernestos Mutter ist aus Venezuela, sein Vater Franzose und beide Eltern waren in den 1960er Jahren echte Revolutionäre, so dass sie sich in Leipzig lieben lernten noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Das waren wieder weltpolitisch durchgeschaukelte Familiengeschichten, irre. Ernesto jedenfalls schreibt einen Roman, so eine Art utopischen Briefroman von einem Selbst an dessen Reinkarnationen in einer besseren Zukunft (Wieso eigentlich, der Messias war doch schon da ?!) und sucht auf seiner 5-monatigen Reise durch Asien nach Inspiration und auch ein bischen nach spiritueller Erhellung. Auf diese Weise wurde unsere allabendliche Balkongesellschaft in der Schwedischen Mission von Tag zu Tag immer bunter. Zudem kommt noch dieser und jener Freund von Jasmin vorbei. In so internationaler Gesellschaft, seelenrugig im abgehängten Korbschaukelstuhl wippend, Blick nach rechts auf`s dänische Fort, Blick nach links auf die bescheidene Villa des früheren dänischen Gouvaneurs, in der Mitte der Pazifik, vielleicht noch einen eisgekühlten Longdrink zu weltumspannenden Gesprächsthemen, da kann man schon (post)koloniale Allüren entwickeln.

Am Sonntag fanden wir, es wird nun wirkllich mal Zeit für einen Ausflug. Allerdings musste Thomas zu Hause bleiben und seine Hitzefrieseln schonen. Hatte ich schon erwähnt, dass es zwischen 11 und 16 Uhr ziemlich unerträglich heiß ist? Damit war der Anlaß gegeben den Ausflug mit Jasmins Motorrad anzugehen. Ob mein Nervenkostüm das wirklich verträgt? Aber dann entpuppte sich das Motorrad als optimales Mobil schon wegen dem Fahrtwind. In Velankanni haben wir eine christliche Pilgeranlage besucht, das „Lourdes von Indien“ und dann waren wir noch in einem muslimischen Heiligtum in Nagore.Unterwegs wurden wir zwei Mädels dauernd angesprochen, weil irgendwelche Leute (Inderinnen) mit uns Fotos machen wollten. Was wollen die bloß mit den Selfies von sich mit wildfremden, total verschwitzten Leuten? Na, was solls, wir spielen mit.

christliche Pilgerstätte in Velankanni
Die Glasfenster waren astrein und schön bunt
muslimisches Heiligtum in Nagore

Seit Montag sind wir, Thomas und ich, nun unterwegs mit Ernesto. Wir haben uns entschieden ein bischen gemeinsam gen Chennai zu reisen mit dem Bus. Sensationell ist die musikalische Beschallung!

Ganz nach meinem Geschmack war unser erster Zwischenstop in Chidambaram um einen Hindutempel zu besichtigen – der Wahnsinn!

Eingangstor zur Tempelanlage in Chidambaram
Mal wieder ein Bild mit einer wildfremden aber glücklichen Inderin, die ein Foto mit mir wünscht. Keine Ahnung, vielleicht sehe ich aus wie irgendeine Erscheinung von Ganesha ? Wir drehen den Spieß jetzt um, und knipsen zurück…
Ernesto

Nun chillen wir in Pondicherry. Ernesto hat hier wie in Tharangambadi Connections zu einem Hotelbesitzer, wo man sich mal so richtig ins 18./19. Jahrhundert zurückbeamen kann.

Ernestos Unterkunft in Tharangambadi

Zunächst steigen wir mit Ernesto ab im „Dune del´Orient“. Er wohnt hier for free. Wir leisten uns einfach mal diese kleine französisch-spätkoloniale Nobless – für eine Nacht.

Dune del`Orient

Am Mittwoch hat Ernesto dann in Auroville eine Verabredung zum tieferen Gespräch mit dem Universum und wir gucken dort einfach mal so rum.

Unsere neue Bleibe in Pondicherry, die mehr unserem Reisebudget entspricht
Pondicherry ist schon ziemlich restauriert aufgeschnickelt. Dieses Haus ist nicht unbedingt repräsentativ für das Französische Viertel, aber es hat mir gefallen…

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