Wundertütenbriefe

Das Stipendium ist natürlich nicht nur Reisespaß. Damit verbunden ist auch ein Workshop für Kinder.

Vor 300 Jahren wechselten Briefe zwischen den Franckeschen Stiftungen und Bartholomäus Ziegenbalg, zwischen Halle und Tharangambadi. Diesem Austausch verdanken die Franckeschen Stiftungen nicht nur eine große Sammlung historisch bedeutender Schriften in Deutsch und Tamil, sondern auch diverse Objekte, die heute im Indienschrank der „Wunderkammer“ zu bestaunen sind.

Für meinen Kinderworkshop habe ich mir einen Klassiker ausgesucht und ein Medium, das langsam aus der Mode gerät, mir aber immer noch viel bedeutet: Wir schreiben Briefe und stellen so den Kontakt her zwischen Kindern aus Halle und Tharangambadi. Um die Sprachbarriere zu umgehen, bestehen die Briefe jedoch aus relativ wenig Text. Statt dessen basteln wir Pop-Up-Karten. Die deutschen Kinder erfahren etwas über das Ziegenbalghaus, die indischen Kinder etwas über die Wunderkammer. Letztlich sind die „Wundertütenbriefe“ eine Art „Basisversion“ der Sammlung der Wunderkammer.

Auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen befinden sich auch heute noch verschiedene Schulen. Mit den Kindern aus dem Krokoseum gehen wir natürlich erstmal in die Wunderkammer, einer der schönsten Orte in Halle, den ich seit meiner Ankunft 1996 als Studentin sehr liebe. Begleitet werden wir von Asma Menon und Mercy, beide aus Tamil Nadu. Asma ist indische Künstlerin und im Austausch zu Stefan und mir gerade in Halle. Ihr Projekt besteht darin für das Ziegenbalghaus in Tharangambadi einen „Deutschlandschrank“ zu bestücken mit zeitgenössischen Objekten als Pendant zum „Indienschrank“ aus dem frühen 18. Jahrhundert. Mercy ist „Bufdi“, wie es heute so schön heißt.

Außerdem kann man sich im Erdgeschoß in der Ausstellung weitere indische Objekte ansehen und es gibt sogar Hörbeispiele in Tamil.

Danach sprechen wir über Indien, speziell Tamil Nadu. Mercy hat einen Auszug aus dem tamilischen Alphabet mitgebracht, wir gucken uns Bilder an von Tempeln. Dann geht es an´s Basteln. Asma und Mercy helfen dann auch kräftig mit, insbesondere die handgeschriebenen Briefe in Tamil zu übersetzen.

Ich kann es leider an dieser Stelle nicht unterlassen mich einmal ganz bitterlich über die deutsche Post zu beschweren. Es ist seit Juli 2019 nämlich nur noch möglich, Din A6 lang Standardkuverts nach Indien zu versenden. Abweichende Formate dürfen nur noch im Falle amtlicher Dokumente verwendet werden. Danke liebe Post AG, dass Ihr die Welt ohne Not ein Stück langweiliger gemacht habt!

Im Koffer nehme ich also 11 Überraschungsbriefe mit auf die Reise.

In Tharangambadi angekommen führe ich alle Mitarbeiterinnen des Ziegenbalghauses erstmal in die Materie ein. Danach bricht auch hier das Bastelfieber aus und hält bis auf Weiteres an…

Dann geht´s zu den Kindern im katholischen Hostel, eine Mischung aus Internat und Waisenheim. Dort wohnen 450 Kinder und die katholischen Schwestern leisten ein beeindruckendes Werk der Nächstenliebe.

Am ersten Abend besuchen wir die Kinder im Hostel. Zuerst erzählen wir von der 300 Jahre alten Beziehung zwischen Halle und Thrangambadi, zeigen Bilder von der Wunderkammer und den deutschen Kindern. Neonorange Schleifen heißt übrigens 5. Klasse. Weiße Schleifen haben die Erstklässler, schwarze Schleifen gibt es in der 8. Klasse und so hat jedes Schuljahr seine Farbe. Allerdings werden die Kinder hier bereits mit 5 eingeschult. Wie man sieht, geht es hier wesentlicher strenger zu als bei uns.

Vinoth und Kiruba übersetzen und erklären alles Mögliche. Dann verteilen wir die Briefe so mehr oder weniger nach dem Zufallssprinzip und übersetzen wiederum die meist kurzen Botschaften. Das Wesentliche sind ohnehin die selbstgebastelten Karten.

Am Sonntag geht´s dann nach einer kleinen Führung im Ziegenbalghaus an das Basteln und Schreiben der Antwortbriefe. Alle Mitarbeiter im Museum helfen mit, sogar Max und Josephine, die Bufdis. Das geht auch gar nicht anders, wegen der Sprachbarriere.

Am Schluss noch ein Gruppenbild in Reih und Glied…
Aber klar, die können auch anders…
.. und richtig Quatsch machen!

Insgesamt sind es nun 14 Antwortbriefe geworden, die ich alle einzeln mit Briefmarke von hier aus per Post nach Halle geschickt habe. Na bitte, geht doch! Hier im Postamt hat man sich amüsiert und mir extra Bilderbriefmarken rausgesucht.

Jetzt heißt es warten, warten, warten…

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