Tagebucheintrag, Sonntag 06.10.2019

Am nächsten Tag wache ich früh auf. Trotz des fest auf mein Ohr gepressten Kopfkissens, höre ich laute tamilische Lieder, die aus Megaphonen schallen. Widerstand ist zwecklos! Eine Stunde später steigt die Lautstärke noch einmal an.
Ich stelle fest, dass der Gesang aus der Neu Jerusalemskirche herüberschallt. Der Gottesdienst wird live aus der Kirche übertragen. Mit einem aus dem Ziegenbalghaus geliehenen Plastikstuhl laufe ich zu einem auf der Kings Street abstellten Bus. Im Schatten sitzend und dem Gottesdienst über die Lautsprecher folgend, zeichne ich den Bus. So, wie auch an den anderen Tagen, erregt meine Anwesenheit ein großes öffentliches Interesse. Es entwickelt sich erneut ein kurzer Dialog mit den Passanten.
Die nächste Zeichnung beginne ich in der Nähe zu der einst von Bartholomäus
Ziegenbalg gegründeten Neu Jerusalemskirche. Während ich mich auf mein Motiv konzentriere, lerne ich einen älteren Mann kennen, der mich spontan zur Taufe seiner Tochter einlädt.
Während der ganzen Zeit in Reichweite eines Lautsprechers sitzend, brauchen meine Ohren jetzt Ruhe. Am historischen Stadttor finde ich vor dem Haupteingang des Harijan-Girls-
Hostel einen guten Platz im Schatten. Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick wie eine Ruine.
Nach kurzer Zeit bemerke ich, mir aus den Fenstern zuwinkende Mädchen. Immer wieder rufen
sie „Hello“ und kichern dann einander zu. Neben mir sitzt ein korpulenter Mann mit einem
Achselshirt und verwickelt mich in ein Gespräch. Ununterbrochen kaut er Betelnüsse, die seine Zähne und das Zahnfleisch purpurrot färben.
Nach mehrmals lautem Muhen von drei wartenden Kühen, öffnet sich das graue Eingangstor vor dem Waisenhaus und es erscheint eine ältere Frau mit einem großen Plastikgefäß. Während ich die fressenden Kühe zeichne, beantworte ich die neugierigen Fragen der
Passanten.

Am Nachmittag setze ich mein Studium der „Halleschen Berichte“ fort. Wie auch bei Bartholomäus Ziegenbalg verändert sich meine Sichtweise auf die tamilische Kultur. Er selbst begann, sich die tamilische Sprache anzueignen, um ein tieferes Verständnis für die Menschen zu erlangen. Hieraus ziehe ich für mich den Schluss, nicht das eigene Weltbild zum Richtmaß der Dinge zu machen, sondern die Perspektive der Menschen, die hier leben, durch Gespräche sichtbar zu machen und mit meinen eigenen Wahrnehmungen zu spiegeln.

Der Abend endet so, wie er am Morgen begonnen hat. Neben lauten Böllerexplosionen höre ich läutende Glocken und Trompetenmusik. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es sich um das Ende des hinduistischen Feiertags Navaratri, der einer Gottheit gewidmet ist, handelt,

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