Auroville – Mamalapuram – Chennai

Es ist geradezu sträflich, dass ich es über 2 Wochen nicht geschafft habe vom Fortgang unserer ersten kleinen Rundreise zu berichten. Da es gleich um die Ecke von Pondicherry liegt, haben wir einen kleinen Abstecher nach Auroville gemacht. Wem Auroville nichts sagt, der lese sich bitte bei Mutti Google schlau. Während unser Freund Ernesto hier noch schnell innere Einkehr suchte vor seinem chaotischen Rückflug von Chennai über Bangkok nach Madrid (wir haben ihm geraten, seine Wünsche ans Universum präziser zu formulieren), haben wir uns nur die schnelle Rein-Raus-Touritour gegeben. Einmal zum Allerheiligsten und zurück in 30 Minuten.

Mit Passierschein vorm Schrein

Sicher, wir sehen hier ohnehin nur einen ganz kleinen Ausschnitt von Indien und sicher wäre es interessant gewesen sich anzusehen, wie die Aurovillianer leben und was sie sich aufgebaut haben, das haben wir jedoch ausgespart. Man muss wohl erst den allgemeinen indischen Verkehr und die stetigen Müllhaufen am Wegesrand live erlebt haben, um zu verstehen, warum mein folgender Kurzbericht über Auroville derart unspirituell ausfallen kann.

Auf dem folgenden Video sieht man einen einzigen großen Baum mit Luftwurzeln.

Obwohl die Mehrheit der Bewohner mit rund 43 % Inder sind, gefolgt von 14 % Franzosen und nur 9 % Deutschen, kommt man sich bereits auf dem wohlgeordneten Parkplatz mit Parkschein vor wie in „Klein-Deutschland“. Es gibt blaue Passierscheine, die hier und da nach dem Überqueren nahezu menschenleerer Straßen gestempelt werden. Auf den Straßen liegt Betonverbundsteinpflaster, es gibt Fußgängerüberwege mit dazugehörigen und vertraut deutsch aussehenden Straßenschildern (und dabei gar keinen Verkehr), beschilderte Radwege und !!! Mülltrennung !!! Ich werd nicht mehr !

Von hier aus geht´s schnurstraks weiter nach Mamalapuram mit unserem Lieblingsvehikel, dem Bus. Der Rikschafahrer, der uns die letzten Meter in die Innenstadt kuscht, zeigt uns mal schnell ungebeten ein mittelpreisiges Hotel mit Pool, aber Thomas besteht darauf, dass er uns etwas besseres ausgekundschaftet hat – näher am Strand, mehr im Zentrum, viel billiger. So logieren wir treffsicher in der einzigen Touristenmeile der Stadt. Ja es ist billig, allerdings taugt das Wasser noch nicht mal zum Duschen (Kratzalarm) und ich versetze das Klamottenwaschwasser das erste (und bisher einzige) Mal mit Desinfektionsmittel. Wir wollten ja Abenteuer, den ganz authentischen Spaßfaktor!

Mamalapurams Baudenkmäler aus dem 7. bis 9. Jahrhundert sind Weltkulturerbe

Nach dem wir die wirklich übersichtliche „City“ erlaufen haben, stelle ich natürlich fest, dass das Hotel mit Pool gleich um die Ecke liegt. (Thomas läßt an dieser Stelle ausrichten: „Das ist gar nicht wahr, nein, nein.“)

Immerhin, man kann hier tatsächlich mal in eine Bar einkehren und einfach so ein Bier trinken ohne dass man es in der Teekanne mit Kaffeebechern serviert kriegt. In „Babus Bar“ retten wir dem gleichnamigen Besitzer den Umsatz, denn wir sind die nahezu einzigen Touristen im Ort und das hat Gründe. Um den 11. Oktober treffen sich der indische Premierminister Modi und der chinesische Generalsekräter Xi Jinping hier vor Ort. Ganz Mamalapuram ist vollgestopft mit Arbeitsheeren, überall wird neuer Rollrasen gepflanzt, die Tempel (ungelogen!) mit Zahnbürsten gereinigt, in allen Tempelanlagen gepflasterte Wege angelegt, die neue Ortsstraße ist schon (fast) fertig und, wie sich später herausstellt, werden sogar die schwarz-weißen Warnstreifen auf der gesamten Autobahn von hier bis Chennai von Kolonen von indischen Arbeitern neu gestrichen und der Mittelstreifen mit Blumen bepflanzt. Hat was von sozialistischer Schaufensterdekoration, achja, ist ja alles für Xi Jinping. Die ortsansässigen Gewerbetreibenden sind, gelinde gesagt, entnervt, weil aus Sicherheitsgründen jedes kleine Vordach abgesägt wird und tagsüber wird der Strom abgestellt (umgeleitet für die Baustellen). Die kleinen Futterstände mussten schon 3 Wochen vorher einpacken und verschwinden. Selbst die Surfschulen werden bis Chennai hoch für 14 Tage dicht gemacht. 12.000 Sicherkräfte werden erwartet. Schon aufregend so ein Staatsbesuch. Dass Nachrichten immer nationalen Prioritätenfiltern unterliegen, ist mir ja nicht unbekannt. Dass aber das Gipfeltreffen der beiden bevölkerungsstärksten Länder, bei welchem es u.a. auch um Chinas Aktien in Kaschmir geht, den deutschen Nachrichten keine Meldung wert ist, wundert mich nun doch.

Überall wird Rollrasen verlegt…
…Wege gepflastert…
…gemacht und getan

Trotzdem gefällt es uns in Mamalapuram, auch Mahabalipuram genannt, ganz gut und wir bleiben 2 Tage. So richtig lustig wird es am 2. Abend. Babu und wir tauschen Hitlisten aus, die indisch-laut von der Dachterrassenbar die Straße beschallen. Wir kennen ja im Prinzip nur alte Kamellen, aber Babu find´s total lustig, als nach den „White Stripes“ „Nirvana“ endgültig die Nachbarn entsetzt auf die Balkone treten lässt. Die Jugend stürmt den Laden, wir sagen dann lieber mal gute Nacht, bevor uns jemand das konterrevolutionäre Teufelswerk in die Schuhe schiebt.

Blick von Babus Bar auf die Touristenmeile

Am Freitag treffen wir uns mit Jasmin kurz vor Chennai in einem sehr schönen Museum, Dakshina Chitra, in dem alte Profanbauten gesammelt werden, Originalbauwerke aus allen Teilen Indiens, die zum Abriss standen und dort wieder aufgebaut wurden. Es ist wie überall. Die traditionellen Bauweisen, mal schlicht, mal opulenter sehen nicht nur schön aus, sondern haben allesamt ein ausgetüfteltes Klimatisierungsprinzip und zum Teil ziemlich raffinierte Mehrzweckmöbel. Und trotzdem baut man allerorten mit Beton… Im Museum sehen wir uns mit vielen Kindern klassisches, indisches Puppentheater an, das mit den hinterleuchteten Figuren aus Pergament. Die Figuren heißen hier Krishna, Shiva und Maharadscha, aber die Story ist so ähnlich wie bei Kasperle, Polizist und Krokodil: Irgendjemand wird vermöbelt. Am späteren Nachmittag wohnen wir noch einer Ausstellungseröffnung bei. Dann geht´s weiter in die Künstlerkolonie Cholamandal.

Dakshina Chitra
Ausstellungseröffnung

Mitte der 1960-er Jahre, also etwa zeitgleich mit Auroville, hat der charismatische Künstler und Lehrer K.C.S. Paniker mit einer Handvoll Schülern ein Grundstück gekauft, im Prinzip ein Stück Sand am Meer, weit abseits der Großstadt um eine Art Künstlerkommune aufzubauen. Hier treffen wir 3 Generationen von Künstlern. Die Urgesteine erzählen uns, wie sie mit Anfang 20 hier im tatsächlichen Nichts angefangen haben mit Strohhütten im Nirgendwo. Heute ist die Kolonie eine Oase umzingelt von der sich ausbreiten Großstadt. Aus den Strohhütten sind propere Anwesen geworden auf denen jeder sein Haus so gebaut hat, wie es ihm beliebt. Es gibt eine mittelgroße Ausstellungshalle, eine kleine Galerie, Gästezimmer und Gästestudios.

Unser Gästehaus im Künstlerdorf. Großzügig und spartanisch zugleich. Thomas meint, er fühle sich wie der junge Gandhi auf Durchreise.
Ich besuche verschiedene Künstler
Strand hinterm Künstlerdorf

Nachdem Stefan angekommen ist, stellen wir an einem Abend unsere Arbeit vor und es gibt Gespräche mit Interessierten, Künstlern, Kunstliebhabern, Studenten. Die älteren Künstler erzählen, dass es früher sehr enge Beziehungen nach Deutschland gab und man sich freuen würde, die wieder zu reaktivieren.

Stefan und ich stellen unsere Arbeit vor. Jasmin würdigt Gopinath, Urgestein der ersten Stunde, mit einem Seidenschal, die indische Version von Blumen überreichen.

Ein echtes Kuriosum ist unser Besuch in der ältesten professionellen Galerie in Chennai. Der Uberfahrer schüttet uns irgendwo im Slam aus und ich denke, nee, hier sind wir bestimmt total falsch. Aber hinter einer Blechtür öffnen sich 3 Etagen in Marmor und Weltkunst.

Unser kleines Eckrestaurant. Viele Grüße aus Qualityland.
Shoppingmall in Chennai. Abgesehen von den Sarishops, hat man die gleichen Ketten wie in ganz Europa. Wie öde. Zu komisch: Man vertreibt auch aktuell die europäische Winterkollektion, dabei sinkt die Temperatur hier im Januar nicht unter +25 Grad.

Chennai ist ansonsten unspektakulär und stressig. Wir üben mit Jasmin über die Straße gehen. Halloballo, völlig irre sollte man nicht sein, aber auch nicht zu zaghaft, sonst wartet man bis zum Sanktnimmerleinstag auf die passende Lücke. Wenn man erstmal auf der Straße steht (Fußgängerampeln oder Überwege Fehlanzeige), halten die Leute auch an oder weichen aus. In Indien wird man bestimmt nicht mit Absicht überfahren – höchstens aus Versehen.

Als wir nach 10 Tagen wieder in Tharangambadi einreiten, kommt mir der kleine Ort sehr aufgeräumt und sauber vor. Und soooooo entspannnnt!

Zur Belohnung gibt es eine Abendstimmung mit skurriler Wolke

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PS für den Käpt’n: Ich habe sie gefunden, links unter dem großen Stoßzahn, tanzen die Mäuse um die Jogikatze!

Hochzeitstempel in Thirukdaiyur

Mittlerweile ist auch Stefan Schwarzer eingetroffen und Max aus dem Erzgebirge, der ein freiwilliges soziales Jahr hier absolviert. Am Samstag haben wir Fünf mal wieder vor dem Aufstehen einen kleinen Ausflug gemacht nach Thirukdaiyur.

Im Inneren

Dort im Tempel erneuern langverheiratete Paare ihren Bund, ich vermute mal, das ist so ähnlich, wie bei uns Silberne und Goldene Hochzeit. Auf dem ersten Bild oben sieht man unzählige Hochzeitsgesellschaften im Tempel.

.. und endlich habe ich meinen ersten Elefanten gesehen

Diesmal haben wir 5 Bleichgesichter die Aufmerksamkeit der Presse erregt, nachdem wir diverse Paare mit Selfies von sich mit uns beglücken konnten.

Thomas fotografiert die Hochzeitsgesellschaft, die sich mit uns fotografiert

Einmalig mal wieder die Geräuschkulisse (gehört zum ersten Bild), auch wenn die Aufnahme etwas verwackelt ist.

Und hier noch ein bisschen Nachschlag in der Rubrik „Glitzer geht immer“ – oder: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit:

Da wir uns in unser Gastdomizil immer besser einpassen, sind wir gleich mal hin und zurück zu Fünft in der Rikscha gefahren, weshalb Jasmin und Max auch hinten im Gepäckraumzwickel mitfahren mussten und uns das folgende schöne Video gedreht haben.

Immer wieder Sonntags…

Punkt 6.30 Uhr ist es vorbei mit dem Schönheitsschlaf, von Nacht-, gar Sonntagsruhe ganz zu schweigen. Jesus is calling. Um 6.37 Uhr schäle ich mich aus dem Bett und mache mich sonntagsfein, um zur Kirche zu gehen. Dann fällt mir auf, dass noch abgeschlossen ist und ich will Jasmin und Vinoth nicht wecken. Aber können die wirklich noch schlafen? Gut, dann muss diese Hörprobe vom Balkon erstmal reichen.

7.07 Uhr, Balkon:

Indien ist ein Land, das man musikalisch entdecken muss.

Hier spielt übrigens die Musik.

8.45 Uhr. Der Gottesdienst hat begonnen. Zwecks Tonaufnahmen habe ich mich mit dem Handy draußen in der Nähe der Lautsprecher postiert. Es ist ohrenbetäubend laut. Also Lautsprecher bitte voll aufdrehen für das nächste Stück, um das richtige Sonntags-in-Tharangambadi-Feeling zu bekommen:

9.00 Uhr. Vinoth passt mich vor der Kirche ab und überzeugt mich mit reinzukommen. Ausgerechnet heute werden nur Lieder gesungen, die ich nicht kenne…

Traffic

An dieser Stelle möchte ich meine ersten Einsichten über indische Verkehrsregeln etwas vertiefen. Wie bereits festgestellt, ist ein wesentliches Instrument im Nahkampf die Hupe. Gehupt wird, wenn man die Spur wechselt, wenn man jemanden überholt, wenn man sich einer Seitenstraße oder Kreuzung nähert, wenn Kühe, Ziegen, Hunde oder Passanten am Straßenrand stehen oder gehen, also kurz um vorausschauend auf sich aufmerksam zu machen. Da die Inder äußert umsichtige Verkehrsteilnehmer sind, kann also gar nicht oft genug gehupt werden.

In Indien herrscht Linksverkehr, das bedeutet, die rechte Spur ist die zweite linke Spur, solange einem keiner entgegen kommt. Das gilt auch dann noch, wenn einem jemand entgegen kommt, solange die Lücke noch passt. Unsere Gastgeberin Jasmin hat sich bezüglich ihres Fahrstils übrigens schon sehr gut in die indische Gesellschaft integriert. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass die linke Spur unter bestimmten, dringenden wie alltäglichen Gründen als rechte Spur interpretiert werden darf. Im folgenden Video befinden wir uns auf der „zweiten linken Spur“, während der LKW vor uns auf der korrekten, rechten Seite fährt bzw. steht, denn wir stehen ihm ja im Weg.

Die Kreuzung. Die Kreuzung ist eine komplexe Materie und muss in Unterthemen gegliedert werden. Im Allgemeinen war es für mich noch nicht erkenntlich, ob es Vorfahrtsregeln im europäischen Sinne gibt. Im Prinzip wollen alle über die Kreuzung zur gleichen Zeit und es fummelt sich so zurecht. Für jeden findet sich eine Lücke. Daraus ergibt sich, wenn´s flüssig läuft, eine ganz eigene Choreografie.

Ein spezielles Thema ist die indische Ampelkreuzung. Dieser Teil der Analyse ist im Besonderen Jule gewidmet, die mich bat, dieser Forschungsfrage nachzugehen. Nach deutscher Logik könnte man davon ausgehen, dass eine einfache Kreuzung aus zwei Straßen besteht, die jeweils geradeaus durchgehen und einen Knotenpunkt bilden, bei welchem man von der jeweils einen Straße im 90 Grad Winkel in die andere überwechseln kann. Dementsprechend haben beide Richtungsspuren der jeweils „einen“ Straße gleichzeitig grün ( bzw. rot) mit speziellen Vorfahrts- bzw. Abbiegeregeln. An besonders gefährlichen Kreuzungen bekommen die Linksabbieger gelegentlich eine extra Ampelschaltung. Dieses Grundprinzip wurde an die indischen Bedürfnisse angepaßt. Die zuvor beschriebene einfach Kreuzung aus zwei Straßen besteht hier aus 4 Straßen, die sich in der Mitte treffen. Daraus folgt, dass jeweils nur eine von 4 Straßen grün hat, während alle anderen drei Straßen rot haben. Damit können alle, die Geradeausfahrer, die Rechts- und die Linksabbieger gleichzeitig die Kreuzung passieren. Alles klar soweit? Bei der letzten Busfahrt hatte ich trotzdem das Gefühl, dass der Bus bei Rot gefahren ist, nach längerem Stau auf der Kreuzung und polyphonem Hupkonzert damit es irgendwie weiter geht. Oder anders gesagt, die zunächst vereinfachten Ampelregelungen können verkompliziert werden, wenn konsequent Regel 2 gilt: Die rechte Spurt ist die zweite linke Spur.

Da Ampelkreuzungen jedoch selten sind und dann meist wesentlich mehr Straßen einmünden, scheitern meine Feldstudien noch mangels Datenerhebung. Es ist mir bisher nur gelungen 2 Videobeweise von der gleichen Ampelkreuzung in Chennai aufzunehmen. Einmal fahren wir gerade aus, einmal biegen wir ab.

Ausdrücklich lobend erwähnen möchte ich an dieser Stelle das indische öffentliche Nah- und Fernverkehrswesen per Bus. Es ist unglaublich dicht getaktet und wir haben selbst bei längeren Strecken mit Umsteigen nirgends gewartet.

Fortsetzung folgt…

Idli, Chidambaram und postkoloniale Allüren

Bisher hatten wir uns noch nicht viel wegbewegt, denn alle interessanten Dinge sind zu uns gekommen. Gleich am ersten Wochenende haben wir Prof. Dr. Dr. Daniel Jeyaraj, Professor of World Christianity, Liverpool Hope University, und seine Frau Scheila kennengelernt. Prof. Jeyarai hat im Ziegenbalghaus eine Art Vorlesung gegeben über die historischen Palmblattmanuskripte. Seine Frau Shiela ist echt `ne Granate. Am Samstag hatten wir zu diesem Anlaß den Koch zum Fisch kaufen begleitet und später am Tag an der „Speisung der 5000“ im Spiritual Center teilgenommen. Prof. Jeyarai hat 1990/91 seinen Doktor in Halle gemacht. Es war sehr interessant sich mit ihm und seiner Frau über die direkte Nachwendezeit aus deren Perspektive zu unterhalten.

Im Spiritual Center wird das Essen vorbereitet, links Jasmin, rechts Vinoth
Wir mit Fam. Prof. Jeyarai im Bungalow On The Beach

Dann kam „Poppi“ zu Besuch, eine Freundin von Jasmin, Doktor der Bio-Chemie mit besonderem Forschungsgebiet HIV und Gelbfieber. Granate Nr. 2! Sehr witzig und selbstgewußt die indischen Ladies. Poppi hat uns ausführlich erklärt, wie Idli hergestellt wird, eine typische indische Frühstücksspeise. Hat so eine Konsistenz zwischen Grießbrei und Polenta und ist sehr aufwendig in der Herstellung. So ganz kurz: eine Mischung aus stundenlang gekochtem Reis- und Linsenbrei, der dann noch 24 Stunden fermentiert und anschließend dampfgegart wird. Poppi hat uns dann auch gleich zu selbstgemachtem Idli eingeladen. Na sagen wir mal fast selbstgemacht. Die fermentierte Grundmasse hat sie dann doch gekauft 😉

Idli mit Kokos Chutney und noch einer Soße
Frühstück mit Poppi (Mitte)

Allwin, der kein Freund von Idli ist, wollte nun in nichts nachstehen und konterte mit einer Einladung bei seiner Familie zu Dossas. Bei Dossa, wie wir gelernt haben, handelt es sich um den gleichen Teig, nur 1 bis 3 Tage länger fermentiert und damit mehr gesäuert. Rein äußerlich vergleichbar mit Crepes. Seine Mutti, meinte er, macht die Besten. Und in der Tat, das können wir jetzt bestetigen. Also verhungern werden wir hier nicht! Um Mutti bloß nicht zu enttäuschen und unserer Meinung, dass das wirklich super Dossas sind, über die Sprachbarriere hinweg Ausdruck zu verleihen, haben wir auch mehr gegessen als wirklich reinging. Wie ich aufgeklärt wurde, ist die permanente Frage, ob, wann oder was man gegessen hat, so ungefähr wie unser „Wie geht’s?“, wenn nicht wichtiger. Außerdem haben wir uns mit Allwins Mutter und Schwester so 3 bis 4 Hochzeitsalben angeguckt. Ich kann nur sagen: Glitzer geht immer. Das wird mein künstlerisches Verständnis nachhaltig prägen. Die ganze deutsche Kitschdebatte können wir uns eigentlich klemmen. Es versteht ohnehin niemand außerhalb von DE, was wir damit überhaupt meinen 😉

Vinoth hat zudem noch Ernesto aufgetrieben. Französischlehrer aus Argentinien. Ernestos Mutter ist aus Venezuela, sein Vater Franzose und beide Eltern waren in den 1960er Jahren echte Revolutionäre, so dass sie sich in Leipzig lieben lernten noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Das waren wieder weltpolitisch durchgeschaukelte Familiengeschichten, irre. Ernesto jedenfalls schreibt einen Roman, so eine Art utopischen Briefroman von einem Selbst an dessen Reinkarnationen in einer besseren Zukunft (Wieso eigentlich, der Messias war doch schon da ?!) und sucht auf seiner 5-monatigen Reise durch Asien nach Inspiration und auch ein bischen nach spiritueller Erhellung. Auf diese Weise wurde unsere allabendliche Balkongesellschaft in der Schwedischen Mission von Tag zu Tag immer bunter. Zudem kommt noch dieser und jener Freund von Jasmin vorbei. In so internationaler Gesellschaft, seelenrugig im abgehängten Korbschaukelstuhl wippend, Blick nach rechts auf`s dänische Fort, Blick nach links auf die bescheidene Villa des früheren dänischen Gouvaneurs, in der Mitte der Pazifik, vielleicht noch einen eisgekühlten Longdrink zu weltumspannenden Gesprächsthemen, da kann man schon (post)koloniale Allüren entwickeln.

Am Sonntag fanden wir, es wird nun wirkllich mal Zeit für einen Ausflug. Allerdings musste Thomas zu Hause bleiben und seine Hitzefrieseln schonen. Hatte ich schon erwähnt, dass es zwischen 11 und 16 Uhr ziemlich unerträglich heiß ist? Damit war der Anlaß gegeben den Ausflug mit Jasmins Motorrad anzugehen. Ob mein Nervenkostüm das wirklich verträgt? Aber dann entpuppte sich das Motorrad als optimales Mobil schon wegen dem Fahrtwind. In Velankanni haben wir eine christliche Pilgeranlage besucht, das „Lourdes von Indien“ und dann waren wir noch in einem muslimischen Heiligtum in Nagore.Unterwegs wurden wir zwei Mädels dauernd angesprochen, weil irgendwelche Leute (Inderinnen) mit uns Fotos machen wollten. Was wollen die bloß mit den Selfies von sich mit wildfremden, total verschwitzten Leuten? Na, was solls, wir spielen mit.

christliche Pilgerstätte in Velankanni
Die Glasfenster waren astrein und schön bunt
muslimisches Heiligtum in Nagore

Seit Montag sind wir, Thomas und ich, nun unterwegs mit Ernesto. Wir haben uns entschieden ein bischen gemeinsam gen Chennai zu reisen mit dem Bus. Sensationell ist die musikalische Beschallung!

Ganz nach meinem Geschmack war unser erster Zwischenstop in Chidambaram um einen Hindutempel zu besichtigen – der Wahnsinn!

Eingangstor zur Tempelanlage in Chidambaram
Mal wieder ein Bild mit einer wildfremden aber glücklichen Inderin, die ein Foto mit mir wünscht. Keine Ahnung, vielleicht sehe ich aus wie irgendeine Erscheinung von Ganesha ? Wir drehen den Spieß jetzt um, und knipsen zurück…
Ernesto

Nun chillen wir in Pondicherry. Ernesto hat hier wie in Tharangambadi Connections zu einem Hotelbesitzer, wo man sich mal so richtig ins 18./19. Jahrhundert zurückbeamen kann.

Ernestos Unterkunft in Tharangambadi

Zunächst steigen wir mit Ernesto ab im „Dune del´Orient“. Er wohnt hier for free. Wir leisten uns einfach mal diese kleine französisch-spätkoloniale Nobless – für eine Nacht.

Dune del`Orient

Am Mittwoch hat Ernesto dann in Auroville eine Verabredung zum tieferen Gespräch mit dem Universum und wir gucken dort einfach mal so rum.

Unsere neue Bleibe in Pondicherry, die mehr unserem Reisebudget entspricht
Pondicherry ist schon ziemlich restauriert aufgeschnickelt. Dieses Haus ist nicht unbedingt repräsentativ für das Französische Viertel, aber es hat mir gefallen…

Clevere Kuh

Ich hatte noch gar nicht erwähnt, dass hier alle erdenklichen Haustiere frei rumlaufen. Die Tiere haben dabei alle so ihre Zeiten. Früh morgens ist vor dem Sweedish Mission Bungalow Ziegentreff. Am Vormittag ist Hundeversammlung. Manche Hunde haben ein zu Hause und kommen bunt gesegnet, andere scheinen Streuner, aber man vertreibt sich die Zeit gemeinsam. Erst zur Dämmerung treffen sich die Kühe auf dem Platz vor dem dänischen Fort. Den Rest des Tages spazieren sie hier und dort die Straßen entlang in unerschütterlicher Ruhe.

Jeden Nachmittag schlendert eine sehr schöne Kuh an unserem Haus vorbei und einmal über den Dorfplatz. Dabei gab es heute einen Zwischenfall. An einem Motorrad machte sie einen Stopp und zottelte behutsam an irgendwas rum. Zuerst konnten wir nicht sehen, was ihre gesteigerte Aufmerksamkeit in den Bann zog. Klonk! Da purtzelte eine Tüte Äpfel zu Boden. Wie geschickt! Leider konnte ich nur noch die dramatische Schlußszene festhalten, als der Besitzer die kläglichen Reste seines Hab und Guts rettete.

Und hier noch ein paar Impressionen für alle Tierfreunde.

vegetarischer Hund
Ziegentreff
Man beachte die Ziege am linken Bildrand
Die schöne Kuh auf ihrem täglichen Rundgang
mit Ziegenhirtin

Im Bus nach Karaikal

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Jesaja 43:2, Lutherbibel 2017

Nach dem wir uns nun aklimatisiert haben, haben wir am Montag mal einen ersten kleinen Ausflug ohne Begleitung gewagt. Die ersten Tage zog gegen Nachmittag immer eine dunkle Regenwolke auf, aber geschüttet hat es erst Abends gegen 20 Uhr. Sehr angenehm übrigens so ein Guß nach einem heißen Tag. War natürlich klar, dass wir die große Gewitterfront gegen 16 Uhr nicht besonders ernst genommen haben. Weit gekommen sind wir dann erstmal nicht. 50 m hinter unserer Haustür, auf Höhe des katholischen Mädchenheims mussten wir uns geduldig unterstellen. Aber wir hatten ja aufbauende Lektüre.

An der Bushaltestelle waren wir eine kleine Sensation besonders für die Schulmädchen, gefühlte 100. Das setzte sich im Bus dann fort. Zwei ältere Frauen bestanden darauf, dass ich zwischen ihnen sitze, obwohl wir selbst mit Händen und Füßen nicht groß weiterkamen in der Kommunikation. Aber sie waren`s zufrieden und nach dem Aussteigen am Busbahnhof Karaikal wurden noch kräftig Hände geschüttelt und gute Wünsche ausgetauscht – glaube ich zumindest.

Im Bus nach Karaikal

Weil wir so spät los sind, war es bei Ankunft in Karaikal schon fast dunkel und es begleitete uns ein stetiger Regen. Fußgänger in Indien, zumindest in dieser Gegend, ist eine echte Herausforderung. Man braucht seine Augen 360 Grad. Bürgersteige gibt es im Prinzip nicht. Aus den Rinnsalen und Pfützen wurden größere Seegebiete.

Wir trinken einen indischen Kaffee auf dem Weg. In der Zwischenzeit habe ich auch vergessen, was wir eigentlich einkaufen wollten. Es ist jedenfalls so, dass in Thrangambadi einiges sehr verpönt ist. Rauchen, insbesondere Rauchen auf der Straße geht gar nicht. Alkohol kaufen, egal was, ist unmöglich. Ein paar Kilometer weiter in Karaikal kann man Bier und dies und das erwerben. Wir kaufen also auch eine Flasche Rum auf unserer Bummeltour – nicht, weil wir auf harte Getränke stehen. Es gibt in der Tat Alkoholkontrollen zwischen Tharangambadi und Karaikal und es ist besser nur eine Flasche Hochprozentiges mit uns rumzutragen statt 3 Flachen Dünnbier.. .

Auf dem Rückweg zum Busbahnhof, sind die Pfützen schon unüberschaubar geworden. Ein großes Auto flutet uns von oben bis unten. Wir sind klitschnaß und jetzt geben meine Schuhe auch endgültig auf. Trotzdem sind wir guter Dinge – ich denke nur „Heute Abend muss ich mich komplett desinfizieren!“ _ Ich muss hier jedoch kurz vorgreifen: Anders als erwartet, sind wir nicht von oben bis unten eingeschlammt. Zu Hause stellen wir fest, dass wir zwar komplett durchweicht, aber ebenso sauber sind.

Wieder am Busbahnhof angekommen, gibt es dort einen älteren Herren, der berufsmäßig Auskunft über die Busse, deren Abfahrtsorte und -Zeiten gibt. Nun ergreift uns aber der Hunger. Wir kehren in der Nähe ein in ein „Restaurant“. Vielleicht wäre es besser zu sagen in eine Art „Bistro“. Genaugenommen in eine kleine, schrapelige Lücke mit Kochstelle und 2 klebrigen Tischen und 6 Stühlen. Ich zeige auf so Teigklumpen am Eingang „2 pieces, please“. Darüber hinaus verstehen wir nix und sagen zu allem „Ja, Ja“. Wir können hier zugucken, wie man Barotto ( oder Parotta) macht. Aha! Schmeckt jedenfalls alles super, was auch immer es war. Thomas und ich überlegen kurz, ob wir unser Geschäftsfeld erweitern: Weiterbildungsreisen für das deutsche Hygieneamt (kicher), nachdem wir mit unseren Weiterbildungsmaßnahmen in Indien für das deutsche Bauordnungsamt einige Psychiatrieplätze überbelegt haben (noch mehr Gekicher).

Nun sind wir aber total durchgeweicht. Am Busbahnhof verstehen wir die Abfahrtszeiten Null-Komma-Nix. Also entscheiden wir uns für so ein gelbes, indisches Taxi – Auto kann man das nicht nennen – um nach Tharangambadi zurückzufahren. Der Bus hat 40 Rupie für uns beide gekostet, so umgerechnet etwa 25 Cent pro Person. Jetzt zahlen wir im ströhmenden Regen 400 Rupie zurück im Tuck-Tuck. Naja, was soll´s .