Tagebucheintrag, Dienstag 22.10.2019

Endlich wieder Sonnenschein! Bei „milden“ 30 Grad im Schatten laufe ich auf der Queen´s Street. Hunderte von Libellen schwirren um mich, wie in einem Märchenfilm in der Luft. Spontan biege ich in die Naghuda Street ab und entdecke ein fliederfarbenen Haus, das mich auf den ersten Blick an einen Kindergarten erinnert.
Gefühlt ist die Anzahl der Moskitos durch die Regenzeit um ein Maximum gestiegen. Die Konzentration auf meine Zeichnung fällt mir schwer. Ständig sehe ich „Blutsauger“ im Augenwinkel, die mich durch die Bekleidung hindurch stechen. Direkt in der Sonne zu sitzen bedeutet, weniger Moskitos, aber dafür mehr Hitze und einen Sonnenbrand.
Auf ihren täglichen Routen fahren die Straßenhändler, wie u.a. die Fischverkäuferin, der Milchmann, das Elektroschrottauto und ein Maniokverkäufer auch heute an mir vorbei. Ebenso lerne ich neue Passanten kennen. Ihre häufigsten Fragen sind: Was machst du da? Warum? Woher kommst du? Wie ist dein Name? Wie alt bist du? Bist du verheiratet?

In der flirrenden Mittagshitze laufe ich die Queen´s Street bis zum Buckingham Kanal. Dieser ist an beiden Uferbereichen fast vollständig mit einem Müllteppich verkleidet. Weiter auf der Rani Street unterwegs betrachte ich ausgenommene Fische zum trocknen auf dem Asphalt ausgelegt. Wahrscheinlich eine günstige Methode, den Fisch ohne Eis haltbar zu machen.

Vor dem Wohnhaus von Ganesh sitze ich im entspannt im Schatten von zwei Bäumen und beginne ich mit meiner Zeichnung. Rasch bemerkt er meine Anwesenheit und stattet mir ein Besuch ab. Freundlich bietet er mir einen Tisch als Unterlage, Essen oder Trinken an. Mit zusammengefalteten Händen bedanke ich mich bei ihm.
Das Haus von Ganesh könnte einer Phantasie eines kleine Kindes entstammen. Hauptsächlich besteht aus den Farben pink, rosa, hellblau und dunkelblau. Dermaßen inspiriert, zeichnet sich meine Zeichnung praktisch wie von allein. Etwa zwei Stunden kommt Ganesh´s Angebot eines Kaffees wie gerufen. Das heiße, zuckersüße Getränk genieße ich in vollen Zügen. Nach und Nach lerne ich auch seine drei Kinder kennen, die einzeln nach einander aus der Schule kommen.
Auf dem Rückweg fährt langsam ein Kleintransporter an mir vorbei. Ein junger Mann auf der Ladefläche wiederholt mantraartig mit heißer Stimme in ein Mikrophon sein Sonderangebot an frischen Äpfeln und Orangen.

Am Himmel donnert und blitzt es gewaltig, um schnell zu Marktstraße zu gelangen setzt sich Vinoth auf mein Fahrradgepäckträger. Torkelnd fahren wir durch die unbeleuchteten Straßen. Im „Danish Shop“ bei Sultan ankommen, teilt uns seine Angestellte mit, das er gerade beim Abendgebet sei. Freundlich bekommen wir zwei Hocker gereicht nehmen im Innenraum des Ladens dichtgedrängt zwischen Kisten, Stiften, Papier, Süßigkeiten und anderen Verkaufsartikel platz. Bald erscheint Sultan und das Gespräch beginnt. Während es laut Blitzt und Donnert unterhalten wir uns über seine Arbeit als Historiker und das Verhältnis der verschiedenen Religionen in Tharangambadi. Als Herausgeber und Autor von einer Stadtchronik von Tharangambadi ist er gerade damit beschäftigt die 6. Auflage zu veröffentlichen. Während unser Gesprächs möchte er Fragen zum Zusammenleben und zu möglichen Konflikten zwischen den Religionen nicht beantworten. Hastig verabschieden und bedanken uns für seine Antworten.
In Windeseile fahre durch den einsetzenden starken Regenschauer. Bei lautem Donner, Blitze und heftige Windböen komme ich verschwitzt im dunklen zurück zu meiner Unterkunft.

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